Am Rand eines Anderen Abgrunds
hinter dem Nachtschalter ist klug
genug, unsere erbärmliche Erscheinung zu ignorieren und sich voll
und ganz dem Geschäft seines Lebens zu widmen. Die Beleuchtung der
Tankstelle lässt Nils' Gesicht grün wirken und das
Aufeinanderschlagen meiner Zähne ist unkontrollierbar. Der
Spätsommertag ist einer Herbstnacht gewichen und ich habe nicht
daran gedacht, meine Jacke anzuziehen. Auf dem Rückweg schweigen
wir. Nils scheint sich Worte zurecht zu legen und ich suche
vergeblich nach einer Möglichkeit, sie mir nicht anhören zu müssen.
Lex' dicker roter Kater wartet vor der Haustür und schließt sich
uns an. Schnurrend umstreicht er meine Beine, ein vermeintlicher
Beweis dafür, dass ich in der Lage bin, Verantwortung zu übernehmen.
Tatsächlich zeugt das Vieh nur davon, dass Talla nicht die Erste
war, die ich im Stich gelassen habe.
Die Tatsache, dass ich Tallas Alter erst während ihrer
Trauerfeier erfuhr, verwundert Nils. Ich habe einfach nie danach
gefragt. Als sie sich nach meinem Geburtstag erkundigte, schwieg ich.
Ich verbrachte und verbringe ihn bevorzugt alleine. Seitdem ich alt
genug aussehe, um Alkohol zu kaufen, suche ich mir ein ruhiges
Plätzchen in der freien Natur und widme mich dort hingebungsvoll dem
Inhalt der erworbenen Flaschen, bis die Welt vor mir verschwimmt.
Immerhin angenehmer, als die früheren Feiern im Familienkreis, an
denen Lex und die mir verbliebene Großmutter sich ebenso eifrig wie
vergeblich bemühten, eine fröhliche Stimmung zu verbreiten, während
meine Eltern, gefrorenes Lächeln auf den Lippen, dem Jahrestag ihrer
bittersten Enttäuschung gedachten.
„Nicht kompatibel.“
Das Flüstern des Arztes tätowierte Schatten auf ihre Gesichter,
machte sie zum traurigsten Paar auf der Neugeborenenstation, stellte
mir die Diagnose für das Leben, das vor mir lag.
Ich habe noch nie Wert auf Geburtstage oder sonstige Daten gelegt
und vermutlich fand Talla diese Angewohnheit originell genug, um sie
zu übernehmen. Dass sie drei Jahre älter war als ich, überrascht
mich nicht, aber dennoch rückt es sie in ein anderes Licht. Ich
zeigte ihr meine Ecken und Kanten, um sie auf Distanz zu halten.
Stattdessen band ich sie damit fester an mich, war sie dankbar, für
all die blutigen Schrammen, die sie sich an mir holte und die sie als
Zeichen des Erwachsenseins betrachtete.
Er spricht ihren Namen aus, als könnte er sich noch immer daran
verletzen. Ich will weg laufen, schreien, ein Kissen auf sein Gesicht
pressen, aber ich sitze stumm und gelähmt neben ihm, unfähig, mich
seinen Worten zu entziehen. Während Nils erzählt, entdecke ich, wie
sehr sich unsere Biographien gleichen. Es ist egal, ob man ein mit
Erwartungen behaftetes Wunschkind ist oder versehentlich gezeugt
wurde, beides schmerzt, wenn es einem vorgehalten wird. Während ich
mich mit Verachtung wappnete, war er süchtig nach Zuneigung. Und die
erhielt er von diesem Mädchen, das sich so sehr nach der Finsternis
sehnte. Nils hatte Talla auf jenen Thron gehoben, von dem ich sie
später stoßen und ihr Genick brechen sollte.
Wie bezaubernd sie als Teenager gewesen sein muss. Grenzenlose
Unbekümmertheit und kindlichen Glauben im Gesicht. Nils erzählt,
dass sie jeden hätte haben können, aber der Aussage, dass sie sich
für ihn entschied, fehlt der normalerweise damit einhergehende
Stolz. Er durchschaut sie, vielleicht erst seit dem vorigen Tag oder
diesem Moment aber er tut es und die Erkenntnis muss schmerzen.
Assoziationen und Projektionen, die schleichenden Begleiter der
Verliebtheit. Anfangs klein und harmlos, wachsen sie sich zu Messern
im Rücken der Liebe aus, wenn man ihnen Beachtung schenkt. Talla hat
sich als Heldin eines Stückes betrachtet, das sich ihren Launen
entsprechend zwischen den verschiedenen Genres bewegte. Wohltäterin,
Liebhaberin, Dompteurin. Wie sehr sie sich in diesen Rollen gefallen
haben musste.
Ich will sie vor Nils bloßstellen, sie Chantal nennen und ihr die
unzähligen Masken und Kostüme vom Leib reißen, bis ihre Motivation
in ihrer ganzen Hässlichkeit vor ihm steht, aber das ist nicht
länger nötig. Wie sehr wir uns in diesen Rollen gefallen. Ich beiße
mir auf die Unterlippe, bis sie blutet. Die Luft im Wohnzimmer ist
heiß, trocken und verqualmt. Ich sehe Nils' fragenden Blick. Er
erwartet sein Urteil. Er blickt auf das Blut. Die Flaschen sind leer
und es dämmert. Vielleicht schulde ich ihm Tränen, aber die habe
ich nicht. Nur Schweiß und eben Blut.
Teil 1