Dienstag, 15. Januar 2013

Die Fremde




Heute morgen warst du plötzlich wieder da.
Starrtest mir aus dem Spiegel entgegen, das Gesicht unbewegt.
Falten, Flecken und Härchen.
Du wirst wieder kantiger, härter.
Und trotzdem:
Packst du es noch, wenn es darauf ankommt, oder haben die letzten Jahre dich weich gemacht? 
Sind deine Krallen noch scharf?
Deine Muskeln angespannt?
Wirst du noch schnell genug sein, wenn man über deine Grenzen tritt, oder hat Vertrauen dir den Instinkt genommen?
Bist du zum launigen Streicheltier degeneriert?
Ein Zucken der Mundwinkel, eine schnelle Bewegung und dann ziert ein blutiger Kratzer meine Wange.
Du bist noch da.
Oder wieder.
Und wie ich dich kenne, wirst du bleiben.
Gut so.
Der Winter hat gerade erst begonnen.

Montag, 14. Januar 2013

Gratwanderer 3



Am Rand eines Anderen Abgrunds


hinter dem Nachtschalter ist klug genug, unsere erbärmliche Erscheinung zu ignorieren und sich voll und ganz dem Geschäft seines Lebens zu widmen. Die Beleuchtung der Tankstelle lässt Nils' Gesicht grün wirken und das Aufeinanderschlagen meiner Zähne ist unkontrollierbar. Der Spätsommertag ist einer Herbstnacht gewichen und ich habe nicht daran gedacht, meine Jacke anzuziehen. Auf dem Rückweg schweigen wir. Nils scheint sich Worte zurecht zu legen und ich suche vergeblich nach einer Möglichkeit, sie mir nicht anhören zu müssen. Lex' dicker roter Kater wartet vor der Haustür und schließt sich uns an. Schnurrend umstreicht er meine Beine, ein vermeintlicher Beweis dafür, dass ich in der Lage bin, Verantwortung zu übernehmen. Tatsächlich zeugt das Vieh nur davon, dass Talla nicht die Erste war, die ich im Stich gelassen habe.


Die Tatsache, dass ich Tallas Alter erst während ihrer Trauerfeier erfuhr, verwundert Nils. Ich habe einfach nie danach gefragt. Als sie sich nach meinem Geburtstag erkundigte, schwieg ich. Ich verbrachte und verbringe ihn bevorzugt alleine. Seitdem ich alt genug aussehe, um Alkohol zu kaufen, suche ich mir ein ruhiges Plätzchen in der freien Natur und widme mich dort hingebungsvoll dem Inhalt der erworbenen Flaschen, bis die Welt vor mir verschwimmt. Immerhin angenehmer, als die früheren Feiern im Familienkreis, an denen Lex und die mir verbliebene Großmutter sich ebenso eifrig wie vergeblich bemühten, eine fröhliche Stimmung zu verbreiten, während meine Eltern, gefrorenes Lächeln auf den Lippen, dem Jahrestag ihrer bittersten Enttäuschung gedachten.
„Nicht kompatibel.“
Das Flüstern des Arztes tätowierte Schatten auf ihre Gesichter, machte sie zum traurigsten Paar auf der Neugeborenenstation, stellte mir die Diagnose für das Leben, das vor mir lag. 


Ich habe noch nie Wert auf Geburtstage oder sonstige Daten gelegt und vermutlich fand Talla diese Angewohnheit originell genug, um sie zu übernehmen. Dass sie drei Jahre älter war als ich, überrascht mich nicht, aber dennoch rückt es sie in ein anderes Licht. Ich zeigte ihr meine Ecken und Kanten, um sie auf Distanz zu halten. Stattdessen band ich sie damit fester an mich, war sie dankbar, für all die blutigen Schrammen, die sie sich an mir holte und die sie als Zeichen des Erwachsenseins betrachtete. 


Er spricht ihren Namen aus, als könnte er sich noch immer daran verletzen. Ich will weg laufen, schreien, ein Kissen auf sein Gesicht pressen, aber ich sitze stumm und gelähmt neben ihm, unfähig, mich seinen Worten zu entziehen. Während Nils erzählt, entdecke ich, wie sehr sich unsere Biographien gleichen. Es ist egal, ob man ein mit Erwartungen behaftetes Wunschkind ist oder versehentlich gezeugt wurde, beides schmerzt, wenn es einem vorgehalten wird. Während ich mich mit Verachtung wappnete, war er süchtig nach Zuneigung. Und die erhielt er von diesem Mädchen, das sich so sehr nach der Finsternis sehnte. Nils hatte Talla auf jenen Thron gehoben, von dem ich sie später stoßen und ihr Genick brechen sollte.


Wie bezaubernd sie als Teenager gewesen sein muss. Grenzenlose Unbekümmertheit und kindlichen Glauben im Gesicht. Nils erzählt, dass sie jeden hätte haben können, aber der Aussage, dass sie sich für ihn entschied, fehlt der normalerweise damit einhergehende Stolz. Er durchschaut sie, vielleicht erst seit dem vorigen Tag oder diesem Moment aber er tut es und die Erkenntnis muss schmerzen.


Assoziationen und Projektionen, die schleichenden Begleiter der Verliebtheit. Anfangs klein und harmlos, wachsen sie sich zu Messern im Rücken der Liebe aus, wenn man ihnen Beachtung schenkt. Talla hat sich als Heldin eines Stückes betrachtet, das sich ihren Launen entsprechend zwischen den verschiedenen Genres bewegte. Wohltäterin, Liebhaberin, Dompteurin. Wie sehr sie sich in diesen Rollen gefallen haben musste.
Ich will sie vor Nils bloßstellen, sie Chantal nennen und ihr die unzähligen Masken und Kostüme vom Leib reißen, bis ihre Motivation in ihrer ganzen Hässlichkeit vor ihm steht, aber das ist nicht länger nötig. Wie sehr wir uns in diesen Rollen gefallen. Ich beiße mir auf die Unterlippe, bis sie blutet. Die Luft im Wohnzimmer ist heiß, trocken und verqualmt. Ich sehe Nils' fragenden Blick. Er erwartet sein Urteil. Er blickt auf das Blut. Die Flaschen sind leer und es dämmert. Vielleicht schulde ich ihm Tränen, aber die habe ich nicht. Nur Schweiß und eben Blut.





Teil 1 



Sonntag, 13. Januar 2013

Gratwanderer 2

 
 
Am Rand deines anderen Abgrunds.
Manche Fragen betteln darum, nicht beantwortet zu werden.

Ich traf Talla in der Silvesternacht. Mein Bruder Lex war wieder einmal im Krankenhaus und ich betrunken genug, um in einem jener Clubs zu landen, in die er mich als Teenager geschleift hatte. Irgendwann zu Beginn des neuen Jahrtausends hatte alles seinen Zauber verloren, die Langeweile war eingezogen und wurde seither zelebriert. Die Menschen tanzten mit gesenktem Blick in unsichtbaren Vierecken. Talla zwischen ihnen war ein Feuerwerkskörper im Moment der Explosion, funkelnde Euphorie. Als sich mein Gesicht merkwürdig anfühlte, spürte ich, dass ich unwillkürlich lächelte. Später sah ich sie in einer Gruppe Menschen, von denen ich einige flüchtig kannte. Selbsternannte Jungintellektuelle, die ihre Energien einzig in Selbstdarstellung und leere Diskussionen steckten, deren mangelnde Kompetenz und fehlender Ehrgeiz sich aber hübsch mit dem Geldbeutel der Parentalgeneration kompensieren ließen. Für einige von ihnen hatte ich Hausarbeiten geschrieben, als ich abgebrannt war und wäre Talla nicht unter ihnen gewesen, hätte ich einen großen Bogen um sie geschlagen. So aber wurden sie von der Pest zur Möglichkeit. Ich mischte mich unter sie und lauschte Talla, die mit klarer, die Musik übertönender Stimme eine schräge Geschichte erzählte. Während ich ihr zuhörte, ging mir auf, worin ihr Zauber lag. Begeisterung. Kindlich, vielleicht sogar naiv, aber ehrlich. Wir stürzten uns so hungrig darauf, eine Horde fahler Vampire angesichts einer rosigen Jungfrau.
Irgendwann am Nachmittag landeten sie und ich in meiner Wohnung. Ehrfürchtig betrachtete sie das Bild über dem Sofa. Lex hatte es nach einem Candyflip gemalt und es gab niemanden, der sich nicht irgendwie dazu äußerte. Talla tat mir den Gefallen und analysierte es nicht. Stattdessen erzählte sie von sich. Sie sprach mit der gefährlichen Offenherzigkeit der Betrunkenen, verschwommene Artikulation klarer Inhalte. Talla war auf der Flucht vor einem Leben, das, wie sie sagte, zu eng für sie geworden war. Ein Weg, den man vor ihr ausgebreitet hatte und dessen Grenzsteine sie wütend beiseite trat. Schwankend zeigte sie mir ihren Verlobungsring, bevor sie ihn mit einem weiteren Bier hinunter schluckte. Dann verfiel sie in hysterischen Ekel, bei der Vorstellung, ihn in ihrer Scheiße suchen zu müssen. Diesbezüglich hätte Talla sich keine Sorgen machen müssen, sie kotzte ihn zusammen mit ihrem restlichen Mageninhalt auf die Bodendielen.
Talla blieb zu meinem Erstaunen. Abgesehen von Lex und Judith hatte ich noch nie mit jemandem zusammen gewohnt. Ich betrachtete mich nicht als die Sorte Mensch, die dazu in der Lage wäre. Aber Talla war charmant und herzlich und folgte ihrem Freiheitsdrang so deutlich, dass ich glaubte, sie würde das auch mir zugestehen.
Dass sie einen Großteil der Miete zahlte, gab ihr das Recht, meine Wohnung nach ihren Wünschen zu nutzen und zu meinem Entsetzen füllte Talla sie mit unseren gemeinsamen Bekannten und veranstaltete merkwürdige Lesungen. Dunkle Gestalten lasen vor einer Menge, die ihre Begeisterung in größtmöglichem Desinteresse ausdrückte und die Texte anschließend bis zum letzten Graphem diskutieren wollte. Die Kunst erstickte unter Trivialstem und ich versteckte mich in der Küche. An einem jener Abende, als die Wohnung von Zigarettenrauch und leerem Gerede erfüllt war, lockte mich die Stimme eines Mannes aus dem Exil. Er las Texte über Wandel, Verfall und Verlust und je länger ich ihm zuhörte, umso wütender wurde ich. Dass seinem Vortrag der übliche gelangweilte Ton fehlte, hatte mich angezogen, aber der Schmerz darin widerte mich an. Er war so übertrieben und laut, dass er nicht real sein konnte. An diesem Abend trank ich weit über mein übliches Maß hinaus und als der Mann zu Ende gelesen hatte, warf ich all meine Prinzipien über Bord und ließ mich auf ein Gespräch mit ihm ein. Talla beobachte, wie unsere Unterhaltung an Intensität gewann. Zuerst erfreut, dann alarmiert. Ihr letzter Blick, als ich meine Faust in sein Gesicht schlug, enthielt Angst. Schmerz. Diese Menschen sehnten sich danach, saßen dem Irrglauben auf, dass er der einzige Schlüssel zu Authentizität sei, weil sie ihn nie kennen gelernt hatten. Sie beugten ihre Rücken einem imaginären Sturm, ohne jemals Wind im Haar gespürt zu haben. Und Talla war eine von ihnen. Sie überhäufte mich mit Tränen und Vorwürfen, die ich mir regungslos anhörte. Als sie endlich verstummte, fragte ich sie, ob sie nicht genau deswegen bei mir war. Eine Antwort erhielt ich nie.
Talla begann zu spielen. Statt nach dem Menschen zu suchen, der sie tatsächlich war, verschwendete sie ihre Energie darauf, den Menschen darzustellen, der sie gern sein wollte. Aber ihre Fassade war rissig, alte Gewohnheiten strapazierten sie. Talla war nicht so frei, wie sie gerne vorgab. Der Wunsch zu besitzen trieb sie und die Tatsache, dass ich Geheimnisse vor ihr hatte, machte sie ebenso rasend, wie die, dass mich die ihren nicht interessierten. Während sie abends allein unterwegs war und düsteren Abenteuer hinterher jagte, spannte sie tagsüber versteckte Sicherungsseile. Ich tolerierte das bis zu dem Tag, an dem sie entgegen meiner ausdrücklichen Bitte in Lex' Sachen wühlte. Sie saß am Küchentisch, seine gekritzelten Stammbäume und Landkarten vor sich ausgebreitet, und verfolgte Lex' Kugelschreiberlinien, die sich wie die Flugrouten verwirrter Zugvögel über Europa erstreckten. Sie in den privaten Unterlagen meines Bruders wühlen zu sehen, Neugier und Sensationsgeilheit im Blick, tat mir mehr weh als ihr Vertrauensbruch an sich. Ich wurde ausfallend, sie schlug zu und ich zurück. Es dauerte über eine Woche, bis der Abdruck ihres Rings aus meinem Gesicht verschwunden war und noch länger, bis ich mit ihr reden konnte, ohne dass Hass aus meiner Stimme quoll.
Es gab gute Zeiten. Jener Sonntagnachmittag, nicht lange nach unserem heftigen Streit gehörte dazu. Der Frühling war jung und zurückhaltend und wir lagen im Park, um die ersten Sonnenstrahlen zu genießen. Talla hatte mich nicht mehr auf Lex angesprochen, aber als sie es jetzt tat, überraschte ich uns beide, indem ich ihr von meinem Bruder erzählte. Von Krankheit und Rückfällen. Von Hoffnung, Suchen und Enttäuschungen. Irgendwann schimmerten ihre Augen. Wenn ich Talla jemals geliebt hatte, dann in jenem Moment. Als sie meine Tränen vergoss.
Briefe landeten in meinem Briefkasten. Weiße Kuverts auf denen in schöner, geschwungener Handschrift ein fremder Name geschrieben war. Dass ihr ehemaliger Verlobter weiterhin um sie kämpfte, erfüllte Talla mit widerwärtiger Selbstzufriedenheit. Sie trug seinen Schmerz wie eine Krone und als das Leid in seinen Briefen der Klärung von Formalitäten wich, kränkte es Talla. Oder Chantal. Sie mochte es, mit der Wirklichkeit zu spielen, sie zu kürzen oder zu erweitern, bis sie ihren Vorstellungen entsprach. Ich mochte es, an ihrer Fassade zu kratzen, bis Blut floss.
Es gab unzählige Zusammenstöße, aber nicht den großen Knall. Eiertänze um Nichtiges, unausgesprochene Sehnsüchte, die sich in Missmut Luft machten. Talla war verreist, als ich bemerkte, dass ich in ihrer Abwesenheit atmete. Ich kündigte die Wohnung, packte meine Sachen und verschwand. Ich sah sie nie wieder.
Die Flasche ist leer und der Tag der Nacht gewichen. Nils ließ mich reden, hörte geduldig zu und unterbrach mich nur selten. Ich bin müde und leer. Vielleicht sollte ich Reue zeigen, aber ich finde sie nirgends. Vielleicht hatte mir Talla irgendwann den Auftrag erteilt, ihre Hand zu halten, während sie am Abgrund balancierte, aber ich hatte nie zugegriffen. Vielleicht hätte ich sie von dem Leben, das sie sich so wünschte abhalten sollen. Aber das hatte ich nie als meine Aufgabe betrachtet.
Manchmal betteln Menschen darum, belogen zu werden. Aber für Bitten bin ich taub.
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Teil 1
Teil 3