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Freitag, 27. September 2013

Gratwanderer 4






Ich könnte diese Gänge schlafend durchqueren, denn sie beherbergen meine Träume. Hier laufen alle Linien zusammen und treffen einander in der Unausweichlichkeit. Finsternis an beiden Enden und ich entscheide mich für die kalte Variante. Judith steht vor der Eingangstür und raucht. Alles an ihr ist klar, ihre dunklen Augen, ihre Züge, ihre Worte. Sie hat den üblichen Panzer abgelegt, ihre Stimme ist leise und bittend, aber jetzt bin ich taub für Erklärungen. Als sie die Hand an meine Wange hebt, weiche ich ihr aus. Viele Jahre lang haben wir Rücken an Rücken gekämpft, aber in dieser Nacht bin ich wieder zehn Jahre alt und Judith meine erbitterte Feindin. Mühsam löse ich meinen Blick von ihrem schmalen Hals, meine Gedanken von der Idee, sie zu packen und ihren Kopf solange gegen die Wand zu schlagen, bis die klare dunkle Stimme verstummt. Stattdessen murmele ich einsichtig Klingendes und verschwinde.

Es ist kälter als erwartet und Menschen, die zu dumm oder zu betrunken sind, die Uhr zu lesen, schicken erste Raketen in den mondlosen Himmel. Kurz bin ich geneigt, nach Hause zu fahren, aber trotz meiner Wut wiegt das Versprechen, das ich Lex gegeben habe, schwer. Heute Nacht nicht allein zu sein. Allein kann zu zweit bedeuten, jedoch niemals zu dritt.

Als ich im vierten Stock ankomme, ist die Kälte auf meiner Haut einem unangenehmen Kribbeln gewichen. Die Tür ist nur angelehnt und als ich sie öffne, schlägt mir der Lärm ebenso entgegen wie der Geruch nach schlechtem Essen und zu vielen Menschen. Mir geht auf, dass das keine gute Idee war und ich verschwinden sollte, aber der Flur ist voller Menschen, manche Gesichter vage bekannt und eine Frau kommt auf mich zu, umarmt mich und zieht mich hinein.

Der Versuch, mich zulaufen zu lassen ohne dabei ernsthaft Konversation betreiben zu müssen, erweist sich als schwierig. Weit mehr Menschen, als ich hier zu kennen glaubte, scheinen informiert und fühlen sich verpflichtet, nachzufragen, was mein Bruder macht. Es dauert etwa eine Stunde, bis ich heraus habe, dass die Antwort „Sterben.“ das Gegenüber nicht nur zum Schweigen bringt, sondern mich auch für den restlichen Abend, wenn es gut läuft vielleicht sogar für mein restliches Leben, als Gesprächspartner disqualifiziert. Im Flur suchen sie Mitspieler für eine Runde Flunkyball und ich schließe mich an. Es gibt Schlimmeres, als Saufspiele und Albernheit. Es gibt Gespräche.

Die Nachtluft ist schneidend kalt, aber nicht erfrischend. Sie ist bereits trüb und stinkt nach Schwarzpulver, obwohl bis Mitternacht noch Zeit ist. Um mich herum positionieren sie leere Weinflaschen, jemand will mir eine Rakete in die Hand drücken, aber ich lehne ab. Ich mag kein Feuerwerk. Es liegt nicht an der traditionell verurteilten Verschwendung oder der moderner beklagten Feinstaubfreisetzung, sondern an dem Knallen. Arrhythmisch und dumpf, weit ab vom Herzschlag und auf unangenehme Weise aufputschend. Die andere Sache die mich an Silvester stört ist die um sich greifende Traurigkeit. Pathetisch, nostalgisch und vor allem eitel, der eigenen Vergänglichkeit bewusst werdend, gleicht sie der Melancholie an Geburtstagen, nur dass sie zum Jahreswechsel bei unzähligen Menschen gleichzeitig auftritt. Auch ich bin nicht in der Lage, mich dem zu entziehen, wobei meine eigene Sterblichkeit eher eine untergeordnete Rolle spielt. Ob sie am Fenster sitzend auf das große Geballer warten? Als wir noch Kinder waren und ich mich, von den Silvesterpartys unserer Eltern flüchtend, überwältigt von Licht und Lärm unter meinem Bett verkroch, war es Lex, der mich fand und dann das Feuerwerk mit mir zusammen ansah. Vielleicht verpassen sie es aber auch und schlafen Bereits. Lex müde von der Chemie, die in seinem Körper zirkuliert, Judith von der Erschöpfung der letzten Wochen, Beide erschlagen von der hilflosen Traurigkeit die das Wort „letzte“ nun jeder Situation aufzwingt.

Ihr Name ist Lana und sie möchte, dass ich ihre Hand halte, während sie auf der Brüstung der Ufermauer balanciert. An ihrer linken Seite geht es gute fünfzehn Meter nach unten, wo ein schmaler Betonweg am Wasser entlang führt. Als man herunter gezählt hatte und die Welt ihren Abschiedsschmerz gegen ekstatische Freude über den Neubeginn tauschte, stand sie plötzlich vor mir und küsste mich. Silvesterfrauen bringen Unglück. Silvester brachte mir Talla, Talla brachte mir Nils und Nils brachte mir eine Wunde bei, die noch immer schmerzt. Ich sollte entweder gehen oder sie gleich selbst hinunter stürzen, aber der Gedanke, dass man bei der Obduktion ihrer zerschmetterten Leiche meinen Speichel auf ihren Lippen finden könnte, behagt mir nicht. Lana balanciert, hüpft und plappert vor sich hin. Am Ende der Brüstung bleibt sie stehen und verharrt in einer wackeligen Turnerpose, bis ich einen Applaus andeute. Dann hakt sie sich bei mir ein. Sie ist groß und dünn und hält den Kopf so, dass ihre Schlüsselbeine auffällig hervor treten. Als sie bemerkt, dass ich sie mustere, zieht sie die Schultern nach oben und reibt ihre Hände aneinander. Sie flüstert etwas von Gentleman, aber das bin ich nicht.

Während Lana Wein aus der Küche holt, betrachte ich ihr Zimmer. Photos in selbst gebastelten Rahmen, Kerzen, eine große Teetasse mit Marienkäfermotiv. Ein Kleiderhaufen, gerade groß genug, um das putzige Chaos im Inneren seiner Verursacherin zu spiegeln. Dazwischen mehr Blumiges, Fruchtiges, Gestreiftes. Lana trinkt kaum, stattdessen spielen ihre schmalen Finger mit dem Glas. Ich würde ihre Verletzlichkeit ansprechen und sie ihr herunter reißen um die verborgene Stärke zu entdecken, ganz so wie sie es möchte. Aber ich würde weiter gehen, ihre zweite und dritte Haut abschälen und sie dann vor den großen, weißgerahmnten Spiegel zerren, bis sie sich selbst in ihrer ganzen kindischen Eitelkeit und Schwäche gegenüber steht. Letztlich fehlt mir die Energie und nicht auf ihre Selbstinszenierung einzugehen, verschafft mir ein Stück weit Befriedigung. Ich entschuldige mich und verschwinde im Badezimmer. Über der Toilette hängt ein Poster mit der Aufschrift „Tritt näher heran, er ist kürzer, als du denkst!“. Ich folge der Aufforderung und pinkele gegen den Klodeckel, bis sich die Bodenmatte voll gesaugt hat. Meine Jacke hängt im Flur und ich streife sie ebenso leise über, wie ich die Wohnungstür schließe.

Noch immer liegt der Pulvergeruch in der Luft und die fahle Wintersonne beleuchtet verdreckte, dunstige Straßen. Judith steht an der gleichen Stelle wie gestern Nacht und dieses Mal lasse ich ihre Berührung zu. Nur noch ein paar Tage. 


Montag, 14. Januar 2013

Gratwanderer 3



Am Rand eines Anderen Abgrunds


hinter dem Nachtschalter ist klug genug, unsere erbärmliche Erscheinung zu ignorieren und sich voll und ganz dem Geschäft seines Lebens zu widmen. Die Beleuchtung der Tankstelle lässt Nils' Gesicht grün wirken und das Aufeinanderschlagen meiner Zähne ist unkontrollierbar. Der Spätsommertag ist einer Herbstnacht gewichen und ich habe nicht daran gedacht, meine Jacke anzuziehen. Auf dem Rückweg schweigen wir. Nils scheint sich Worte zurecht zu legen und ich suche vergeblich nach einer Möglichkeit, sie mir nicht anhören zu müssen. Lex' dicker roter Kater wartet vor der Haustür und schließt sich uns an. Schnurrend umstreicht er meine Beine, ein vermeintlicher Beweis dafür, dass ich in der Lage bin, Verantwortung zu übernehmen. Tatsächlich zeugt das Vieh nur davon, dass Talla nicht die Erste war, die ich im Stich gelassen habe.


Die Tatsache, dass ich Tallas Alter erst während ihrer Trauerfeier erfuhr, verwundert Nils. Ich habe einfach nie danach gefragt. Als sie sich nach meinem Geburtstag erkundigte, schwieg ich. Ich verbrachte und verbringe ihn bevorzugt alleine. Seitdem ich alt genug aussehe, um Alkohol zu kaufen, suche ich mir ein ruhiges Plätzchen in der freien Natur und widme mich dort hingebungsvoll dem Inhalt der erworbenen Flaschen, bis die Welt vor mir verschwimmt. Immerhin angenehmer, als die früheren Feiern im Familienkreis, an denen Lex und die mir verbliebene Großmutter sich ebenso eifrig wie vergeblich bemühten, eine fröhliche Stimmung zu verbreiten, während meine Eltern, gefrorenes Lächeln auf den Lippen, dem Jahrestag ihrer bittersten Enttäuschung gedachten.
„Nicht kompatibel.“
Das Flüstern des Arztes tätowierte Schatten auf ihre Gesichter, machte sie zum traurigsten Paar auf der Neugeborenenstation, stellte mir die Diagnose für das Leben, das vor mir lag. 


Ich habe noch nie Wert auf Geburtstage oder sonstige Daten gelegt und vermutlich fand Talla diese Angewohnheit originell genug, um sie zu übernehmen. Dass sie drei Jahre älter war als ich, überrascht mich nicht, aber dennoch rückt es sie in ein anderes Licht. Ich zeigte ihr meine Ecken und Kanten, um sie auf Distanz zu halten. Stattdessen band ich sie damit fester an mich, war sie dankbar, für all die blutigen Schrammen, die sie sich an mir holte und die sie als Zeichen des Erwachsenseins betrachtete. 


Er spricht ihren Namen aus, als könnte er sich noch immer daran verletzen. Ich will weg laufen, schreien, ein Kissen auf sein Gesicht pressen, aber ich sitze stumm und gelähmt neben ihm, unfähig, mich seinen Worten zu entziehen. Während Nils erzählt, entdecke ich, wie sehr sich unsere Biographien gleichen. Es ist egal, ob man ein mit Erwartungen behaftetes Wunschkind ist oder versehentlich gezeugt wurde, beides schmerzt, wenn es einem vorgehalten wird. Während ich mich mit Verachtung wappnete, war er süchtig nach Zuneigung. Und die erhielt er von diesem Mädchen, das sich so sehr nach der Finsternis sehnte. Nils hatte Talla auf jenen Thron gehoben, von dem ich sie später stoßen und ihr Genick brechen sollte.


Wie bezaubernd sie als Teenager gewesen sein muss. Grenzenlose Unbekümmertheit und kindlichen Glauben im Gesicht. Nils erzählt, dass sie jeden hätte haben können, aber der Aussage, dass sie sich für ihn entschied, fehlt der normalerweise damit einhergehende Stolz. Er durchschaut sie, vielleicht erst seit dem vorigen Tag oder diesem Moment aber er tut es und die Erkenntnis muss schmerzen.


Assoziationen und Projektionen, die schleichenden Begleiter der Verliebtheit. Anfangs klein und harmlos, wachsen sie sich zu Messern im Rücken der Liebe aus, wenn man ihnen Beachtung schenkt. Talla hat sich als Heldin eines Stückes betrachtet, das sich ihren Launen entsprechend zwischen den verschiedenen Genres bewegte. Wohltäterin, Liebhaberin, Dompteurin. Wie sehr sie sich in diesen Rollen gefallen haben musste.
Ich will sie vor Nils bloßstellen, sie Chantal nennen und ihr die unzähligen Masken und Kostüme vom Leib reißen, bis ihre Motivation in ihrer ganzen Hässlichkeit vor ihm steht, aber das ist nicht länger nötig. Wie sehr wir uns in diesen Rollen gefallen. Ich beiße mir auf die Unterlippe, bis sie blutet. Die Luft im Wohnzimmer ist heiß, trocken und verqualmt. Ich sehe Nils' fragenden Blick. Er erwartet sein Urteil. Er blickt auf das Blut. Die Flaschen sind leer und es dämmert. Vielleicht schulde ich ihm Tränen, aber die habe ich nicht. Nur Schweiß und eben Blut.





Teil 1 



Sonntag, 13. Januar 2013

Gratwanderer 2

 
 
Am Rand deines anderen Abgrunds.
Manche Fragen betteln darum, nicht beantwortet zu werden.

Ich traf Talla in der Silvesternacht. Mein Bruder Lex war wieder einmal im Krankenhaus und ich betrunken genug, um in einem jener Clubs zu landen, in die er mich als Teenager geschleift hatte. Irgendwann zu Beginn des neuen Jahrtausends hatte alles seinen Zauber verloren, die Langeweile war eingezogen und wurde seither zelebriert. Die Menschen tanzten mit gesenktem Blick in unsichtbaren Vierecken. Talla zwischen ihnen war ein Feuerwerkskörper im Moment der Explosion, funkelnde Euphorie. Als sich mein Gesicht merkwürdig anfühlte, spürte ich, dass ich unwillkürlich lächelte. Später sah ich sie in einer Gruppe Menschen, von denen ich einige flüchtig kannte. Selbsternannte Jungintellektuelle, die ihre Energien einzig in Selbstdarstellung und leere Diskussionen steckten, deren mangelnde Kompetenz und fehlender Ehrgeiz sich aber hübsch mit dem Geldbeutel der Parentalgeneration kompensieren ließen. Für einige von ihnen hatte ich Hausarbeiten geschrieben, als ich abgebrannt war und wäre Talla nicht unter ihnen gewesen, hätte ich einen großen Bogen um sie geschlagen. So aber wurden sie von der Pest zur Möglichkeit. Ich mischte mich unter sie und lauschte Talla, die mit klarer, die Musik übertönender Stimme eine schräge Geschichte erzählte. Während ich ihr zuhörte, ging mir auf, worin ihr Zauber lag. Begeisterung. Kindlich, vielleicht sogar naiv, aber ehrlich. Wir stürzten uns so hungrig darauf, eine Horde fahler Vampire angesichts einer rosigen Jungfrau.
Irgendwann am Nachmittag landeten sie und ich in meiner Wohnung. Ehrfürchtig betrachtete sie das Bild über dem Sofa. Lex hatte es nach einem Candyflip gemalt und es gab niemanden, der sich nicht irgendwie dazu äußerte. Talla tat mir den Gefallen und analysierte es nicht. Stattdessen erzählte sie von sich. Sie sprach mit der gefährlichen Offenherzigkeit der Betrunkenen, verschwommene Artikulation klarer Inhalte. Talla war auf der Flucht vor einem Leben, das, wie sie sagte, zu eng für sie geworden war. Ein Weg, den man vor ihr ausgebreitet hatte und dessen Grenzsteine sie wütend beiseite trat. Schwankend zeigte sie mir ihren Verlobungsring, bevor sie ihn mit einem weiteren Bier hinunter schluckte. Dann verfiel sie in hysterischen Ekel, bei der Vorstellung, ihn in ihrer Scheiße suchen zu müssen. Diesbezüglich hätte Talla sich keine Sorgen machen müssen, sie kotzte ihn zusammen mit ihrem restlichen Mageninhalt auf die Bodendielen.
Talla blieb zu meinem Erstaunen. Abgesehen von Lex und Judith hatte ich noch nie mit jemandem zusammen gewohnt. Ich betrachtete mich nicht als die Sorte Mensch, die dazu in der Lage wäre. Aber Talla war charmant und herzlich und folgte ihrem Freiheitsdrang so deutlich, dass ich glaubte, sie würde das auch mir zugestehen.
Dass sie einen Großteil der Miete zahlte, gab ihr das Recht, meine Wohnung nach ihren Wünschen zu nutzen und zu meinem Entsetzen füllte Talla sie mit unseren gemeinsamen Bekannten und veranstaltete merkwürdige Lesungen. Dunkle Gestalten lasen vor einer Menge, die ihre Begeisterung in größtmöglichem Desinteresse ausdrückte und die Texte anschließend bis zum letzten Graphem diskutieren wollte. Die Kunst erstickte unter Trivialstem und ich versteckte mich in der Küche. An einem jener Abende, als die Wohnung von Zigarettenrauch und leerem Gerede erfüllt war, lockte mich die Stimme eines Mannes aus dem Exil. Er las Texte über Wandel, Verfall und Verlust und je länger ich ihm zuhörte, umso wütender wurde ich. Dass seinem Vortrag der übliche gelangweilte Ton fehlte, hatte mich angezogen, aber der Schmerz darin widerte mich an. Er war so übertrieben und laut, dass er nicht real sein konnte. An diesem Abend trank ich weit über mein übliches Maß hinaus und als der Mann zu Ende gelesen hatte, warf ich all meine Prinzipien über Bord und ließ mich auf ein Gespräch mit ihm ein. Talla beobachte, wie unsere Unterhaltung an Intensität gewann. Zuerst erfreut, dann alarmiert. Ihr letzter Blick, als ich meine Faust in sein Gesicht schlug, enthielt Angst. Schmerz. Diese Menschen sehnten sich danach, saßen dem Irrglauben auf, dass er der einzige Schlüssel zu Authentizität sei, weil sie ihn nie kennen gelernt hatten. Sie beugten ihre Rücken einem imaginären Sturm, ohne jemals Wind im Haar gespürt zu haben. Und Talla war eine von ihnen. Sie überhäufte mich mit Tränen und Vorwürfen, die ich mir regungslos anhörte. Als sie endlich verstummte, fragte ich sie, ob sie nicht genau deswegen bei mir war. Eine Antwort erhielt ich nie.
Talla begann zu spielen. Statt nach dem Menschen zu suchen, der sie tatsächlich war, verschwendete sie ihre Energie darauf, den Menschen darzustellen, der sie gern sein wollte. Aber ihre Fassade war rissig, alte Gewohnheiten strapazierten sie. Talla war nicht so frei, wie sie gerne vorgab. Der Wunsch zu besitzen trieb sie und die Tatsache, dass ich Geheimnisse vor ihr hatte, machte sie ebenso rasend, wie die, dass mich die ihren nicht interessierten. Während sie abends allein unterwegs war und düsteren Abenteuer hinterher jagte, spannte sie tagsüber versteckte Sicherungsseile. Ich tolerierte das bis zu dem Tag, an dem sie entgegen meiner ausdrücklichen Bitte in Lex' Sachen wühlte. Sie saß am Küchentisch, seine gekritzelten Stammbäume und Landkarten vor sich ausgebreitet, und verfolgte Lex' Kugelschreiberlinien, die sich wie die Flugrouten verwirrter Zugvögel über Europa erstreckten. Sie in den privaten Unterlagen meines Bruders wühlen zu sehen, Neugier und Sensationsgeilheit im Blick, tat mir mehr weh als ihr Vertrauensbruch an sich. Ich wurde ausfallend, sie schlug zu und ich zurück. Es dauerte über eine Woche, bis der Abdruck ihres Rings aus meinem Gesicht verschwunden war und noch länger, bis ich mit ihr reden konnte, ohne dass Hass aus meiner Stimme quoll.
Es gab gute Zeiten. Jener Sonntagnachmittag, nicht lange nach unserem heftigen Streit gehörte dazu. Der Frühling war jung und zurückhaltend und wir lagen im Park, um die ersten Sonnenstrahlen zu genießen. Talla hatte mich nicht mehr auf Lex angesprochen, aber als sie es jetzt tat, überraschte ich uns beide, indem ich ihr von meinem Bruder erzählte. Von Krankheit und Rückfällen. Von Hoffnung, Suchen und Enttäuschungen. Irgendwann schimmerten ihre Augen. Wenn ich Talla jemals geliebt hatte, dann in jenem Moment. Als sie meine Tränen vergoss.
Briefe landeten in meinem Briefkasten. Weiße Kuverts auf denen in schöner, geschwungener Handschrift ein fremder Name geschrieben war. Dass ihr ehemaliger Verlobter weiterhin um sie kämpfte, erfüllte Talla mit widerwärtiger Selbstzufriedenheit. Sie trug seinen Schmerz wie eine Krone und als das Leid in seinen Briefen der Klärung von Formalitäten wich, kränkte es Talla. Oder Chantal. Sie mochte es, mit der Wirklichkeit zu spielen, sie zu kürzen oder zu erweitern, bis sie ihren Vorstellungen entsprach. Ich mochte es, an ihrer Fassade zu kratzen, bis Blut floss.
Es gab unzählige Zusammenstöße, aber nicht den großen Knall. Eiertänze um Nichtiges, unausgesprochene Sehnsüchte, die sich in Missmut Luft machten. Talla war verreist, als ich bemerkte, dass ich in ihrer Abwesenheit atmete. Ich kündigte die Wohnung, packte meine Sachen und verschwand. Ich sah sie nie wieder.
Die Flasche ist leer und der Tag der Nacht gewichen. Nils ließ mich reden, hörte geduldig zu und unterbrach mich nur selten. Ich bin müde und leer. Vielleicht sollte ich Reue zeigen, aber ich finde sie nirgends. Vielleicht hatte mir Talla irgendwann den Auftrag erteilt, ihre Hand zu halten, während sie am Abgrund balancierte, aber ich hatte nie zugegriffen. Vielleicht hätte ich sie von dem Leben, das sie sich so wünschte abhalten sollen. Aber das hatte ich nie als meine Aufgabe betrachtet.
Manchmal betteln Menschen darum, belogen zu werden. Aber für Bitten bin ich taub.
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Teil 1
Teil 3

Freitag, 11. Januar 2013

Gratwanderer


 

Am Rand eines anderen Abgrunds.
Der Sommer lag im Sterben, als ich mich zum letzten Mal von Talla verabschiedete. Seit mehr als zwei Jahren hatte ich sie nicht mehr gesehen, ich wusste nicht einmal, wer mir die Traueranzeige geschickt hatte und erst während der Rede des Pfarrers erfuhr ich, wie sie gestorben war. Schnell und heftig, wie das Leben, nach dem Talla sich immer gesehnt hatte, dem sie mit atemloser Begeisterung hinterher gejagt war, bis ihr Herz aufgab. Ich wusste, dass sie sich weinende, klagende Menschen gewünscht hätte. Sicher hatte sie geahnt, dass ich dazu nicht in der Lage sein würde und damit Recht behalten. Immerhin trug ich mein Schwarz ohne das alberne, selbstdarstellerische Pathos, das unsere ehemaligen Freunde an den Tag legten. Sie waren ausnahms- und rücksichtslos erschienen. Falls überhaupt möglich, hasste ich sie noch mehr als früher. Weder die Jahre, noch dunkler Zwirn hatten ausgereicht, um aus ihnen Erwachsene zu machen. Das Ereignis schon gar nicht. Bot es doch die Möglichkeit, sich einander nach all der Zeit wieder anzunähern, die sonnenbebrillten Gesichter erst in Betroffenheitsfalten und dann aneinander zu legen. Ich lauschte den Worten des Pfarrers, die ebenso schön wie leer waren. Tagelang hatte ich in mir nach Gefühlen gesucht, Trauer, Reue, irgendeine Regung, aber ich hatte nichts gefunden und suchte noch immer, als der Sarg zu den Klängen von Ave Verum aus der Halle getragen wurde. Ich folgte ihm und wurde verfolgt. Der Mann gehörte nicht zu den gemeinsamen Bekannten und die beinahe aggressive Neugier in seinem Blick weckte in mir auch nicht den Wunsch, das zu ändern. Ich sah zu, wie der Sarg in die Grube gelassen wurde und verschwand, ohne ihm eine Schaufel Erde
hinterher zu werfen oder Tallas Eltern zu kondolieren. Sie hätten sowieso nicht gewusst, wer ich war.

Müdigkeit lag schwer auf meinen Schultern. Jene Sorte Müdigkeit, die nicht nach Schlaf sondern etwas Tieferem, Elementaren verlangt. Ich hatte die schwarze Jacke in die Ecke geworfen und sehnte mich nach Geistigem, um den schalen Nachgeschmack des Geistlichen weg zu spülen, als es klingelte. Ich bekam selten genug Besuch, um einen Zufall auszuschließen. Jemand war mir gefolgt, und würde es nicht dulden, ignoriert zu werden. Das verriet bereits die Art und Weise des Klingelns und ich ahnte, wer vor meiner Tür stand. Ich kannte ihn nicht, hatte ihn vor wenigen Stunden erstmals gesehen, aber sein Blick hatte mich verfolgt. Und nichts von seiner Intensität verloren, Wahnsinn loderte mir entgegen, als ich die Tür öffnete. Dunkelblau, ein Hauch Wut und so wilde Verzweiflung, dass ich unwillkürlich zurücktrat, um ihm die Tür vor der Nase zuzuschlagen. Bevor ich das tun konnte, schob er seinen Fuß hinein und ich tastete nach dem Hockeyschläger, der an der Garderobe lehnte. Als er mir eine Faust entgegen streckte, glaubte ich einen kurzen, rationalen Moment lang, er würde mich schlagen, aber als ich begriff, traf es mich weitaus härter. Er streckte mir seinen Ring entgegen. Mattes Silber mit einer gemusterten Oberfläche. Ungewöhnlich, aber nicht ungewohnt. Schließlich hatte ich den Abdruck seines Zwillings tagelang auf der Stirn getragen.


Er betrachtet mein Wohnzimmer mit angespanntem Interesse, die Frage ins Gesicht tätowiert. Ich kann ihn beruhigen. Talla wohnte niemals hier, hierher flüchtete ich, als ich sie endgültig nicht mehr ertragen konnte und hier war ich geblieben, während sie sich im Sog der Welt verlor. Sein Name ist Nils. Talla hat so häufig von ihm gesprochen, aber erst in diesem Moment, in dem er vor mir sitzt, realisiere ich , dass er mehr ist, als eine fiktive Figur ihrer bizarren Erzählungen. Abgesehen von einer Flasche Wild Turkey habe ich nichts im Haus und wir geben uns beide damit zufrieden. Was folgte, war Tangentialgerede. Dinge, die nicht schmerzten, während wir einander einschätzten und abwogen. Letztlich war er es, der die Initiative ergriff. Mit bohrendem Blick und Stahl in der Stimme.

„Hast du sie gefickt?“


Teil 2