Dienstag, 18. Oktober 2016

Anderer Mütter Fische

Jesse kommt, als ich keine Hoffnung mehr in das Türklingeln setze. Sein Blick streift die verschlossenen Flaschen, Opfergaben aus den Händen der wenigen Freunde, die ich ertragen konnte. Gutgemeintes aus aller Welt und zugleich ein geschicktes Umgehen der Frage nach einer angemessenen Begrüßung. Jesses Hände sind leer und er fällt mir um den Hals. Vielleicht kennt er die Regeln nicht, wahrscheinlicher aber, dass er sie ignoriert, denn dazu wurde er geboren.
Sollen wir über anderer Mütter Töchter reden? Fische im Meer, alte Fesseln und neue Freiheit oder hast du den Quatsch schon durch?“
Ohne zu verstummen, beäugt er einige Flaschen, und verzieht anerkennend das Gesicht. Ich nicke ihm zu, soll er sie haben. Das hier ist zu groß, um es zu ersäufen und letztlich lauert am Boden jedes Glases Selbstmitleid. Jesse sammelt ein paar der Flaschen ein, dann steht er vor mir, mustert mein Gesicht und ich frage mich ob er sehen kann, wie dünn meine Haut geworden ist und dass er aufpassen muss.
Du siehst scheiße aus. Lass’ uns abhauen.“
Wohin?“
Sei nicht blöd.“
Das Meer also.

Seit Ihrem Weggang ist die Wohnung gewachsen. Neue, düstere Orte sind hinzugekommen, Leerstellen und Schreine, die gleichsam erbarmungslos an sie erinnern. Eine handvoll Dosen und Päckchen hat sie im Spiegelschrank zurückgelassen. Orange gegen Schmerzen, Blau für den Schlaf, Weiß zum Lächeln. Mein Selbstbewusstsein, ein räudiger Köter, durchwühlt ihre Motive nach vergifteten Leckerchen. Das Ich ist geschrumpft, kneift und schneidet in das Fleisch des müden Tieres. Kurze Nächte haben mich müde gemacht, die leere Bettseite ist ein Abgrund und Träume gefährlich. Ich stecke die blaue Packung in meine Jackentasche.

Aus den Lautsprechern dringt unfassbarer Lärm. HATE. FUCK. DIE. Klingt nicht gesund, würde aber vielleicht ein paar Dinge vereinfachen. Jesse singt und klopft mit den Fingerspitzen aufs Lenkrad. Sein Haar ist wirr und Kajalreste haben sich klumpig unter seinen Augen gesammelt. Die Unbekümmertheit reizt mich zuverlässig, erinnert mich an das, was mir fehlt, was ihr an mir fehlte. Wild und rebellisch hätte ich sie vielleicht halten können. Wild und rebellisch wünschte mich auch meine Mutter, aber das war später. Anfangs stand ich ihr besser, wenn ich unauffällig war. Ansonsten hätte ich sie wahlweise alt gemacht oder ihren Fehlern ein Gesicht verliehen. Meinen Namen, so gestand sie mir irgendwann, hatte sie auf der Wöchnerinnenstation aufgeschnappt, wo sie, von glücklicheren Müttern interessiert beäugt, ihren neu erworbenen Mühlstein durch die Gänge geschleppt hatte. Einen angepassten, oft vergebenen Namen mit Diminutivpotenzial, das vor Ausrufezeichen brach lag. In ihren Zweitgeborenen setzte sie andere Hoffnungen und wurde nie enttäuscht. Jesse. Rebell, Dissident, Traumhändler.

Er dreht das Geplärr leise und fragt mich nach dem Ende. Vor nicht allzu langer Zeit hatte das Wort einen romantischen Beiklang. Zwei Schläfen, zwei Abzüge, ihr entschlossenes Lächeln an meiner Wange, während die Flammen sterbender Welten sich näherfraßen. Stattdessen unerträgliche Profanität, Worte nur, nicht gezielt, aber sie trafen trotzdem. Lange hatte sie ihre Gedanken für sich behalten, beobachtet, abgewägt und alle Gefühle geschluckt. Als sie endlich bereit war, sie auszusprechen, waren sie längst abgekühlt. Wut, Enttäuschung und unerfüllte Ansprüche hatten sich in Argumente gewandelt, denen ich nichts entgegenzusetzen wusste.


Jesse hat die Musik ausgeschaltet, aber mehr als halbherziges Dösen ist nicht drin. Träume und Erinnerungen lauern auch dicht unter Oberfläche des Bewusstseins und ich finde keine Entspannung. Als ich aufgebe, dunkelt es bereits, dennoch sind die vor dem Seitenfenster vorbeiziehenden Konturen vage vertraut. Die Straße ist neu, begradigt und von wohlerzogenen Bäumen zur Allee geadelt. Ihre Vorgängerin war unerbittlich, eine blutgierige Schlange gesäumt von wildem Wald. Es verging kaum ein Monat, in dem sie nicht ein Leben nahm. Weiße Kreuze kündeten von ihrem Blutdurst und obwohl mir manche der Namen vertraut genug sind, um mir das Wasser in die Augen zu treiben, bot sie mir Trost. Ian, Kurt, Jim, die Stimmen der Todgeweihten aus dem Kassettendeck, vor mir die Finsternis und im Hinterkopf den Gedanken, dass eine einzige schnelle Bewegung des Lenkrads im Notfall alles beenden konnten, waren genug, um den Kopf wieder frei zu kriegen. Heute ist Sprit teurer und Trost unbezahlbar.

Schweigend erreichen wir den menschenleeren Parkplatz. Hinter den Dünen liegt das Meer. Jesse murmelt vor sich hin, aber ich höre nicht zu. Auf der unvollkommenen Wasserfläche spiegelt sich der Vollmond weiß und hart. Wir sollten ihn anheulen, verlassene Geschöpfe die wir sind. Nur die Starken ertragen bedingungslose Gottlosigkeit, der Rest heuchelt und beugt das Haupt vor gefährlichen Götzen. Wie zum Beweis lässt Jesse sich in den Sand fallen und zieht eine der mitgebrachten Flaschen aus dem Rucksack. Stolichnaya, ungekühlt, aber so mild, dass es nichts ausmacht.

Die Flasche leert sich schnell und lockert meine Zunge. Szenen fügen sich zu Geschichten, die Vergangenheit wird schmerzlich greifbar. Es war nie perfekt, aber wenn ich es uns einrede, tut es mehr weh und ich stecke sowieso schon so tief in der Scheiße, dass ich auch gleich darin baden kann. Ich rede gierig, zimmere ihr einen Altar aus feinem Sand und forme darauf ihr Bild in all seiner erbarmungslosen Schönheit. Jesse hört zu bis die Worte versiegen.
Lass sie los.“
Er steht auf und deutet in Richtung Meer.
Lass sie los? Wirklich?“
Ich lasse mich in den Sand fallen und lache.

Wann und wie ich loslasse, geht dich nichts an.“
Und das hier? Das geht mich auch nichts an?“
Jesse zieht etwas aus seiner Hosentasche und es dauert ein paar Sekunden, bis ich die Schlaftabletten erkenne. Weitere Sekunden in denen ich ebenso hektisch wie sinnlos meine Jacke danach abtaste, bis ich begreife, worauf er hinauswill. Held sein, einmal nur. Dumm, dass er nicht bedacht hat, dass ein Rollentausch immer beide Spieler betrifft und er es nicht erträgt, dass ich nun derjenige bin, der jegliche Vernunft sausen lässt. Ich lasse mich gehen, berausche mich an Kummer und Selbstmitleid und nicht weniger steht mir zu. Die Wunde ist tief, und noch bin ich nicht gewillt, sie heilen zu lassen, aber sie wird mich nicht töten. Noch bevor ich das Jesse erklären kann, holt er weit aus und schleudert die Packung ins Meer. Er blickt ihr nach, eine schwarze Silhouette vor dem weißen Mond und plötzlich weiß ich, warum wir hier sind.

Vielleicht liegt es an Jesses Überraschung, dass mein erster Schlag ihn von den Füßen holt, so oder so fühlt es sich gut an, und ich lege nach. Etwas Verkümmertes erhebt sich aus der Dunkelheit und schafft sich zornig Platz. Vorschläge und Ratschläge. Ich muss keine Waffen wählen, sie fallen mir zu. Unter mir krümmt sich Jesse, aber zu viele verpasste Gelegenheiten schieben jedes Mitleid zur Seite. Das Meerwasser frisst sich den Jeansstoff hinauf. Nasse Waden, nasse Schenkel, nasser Arsch. Ich schleife Jesse aus dem Wasser, lege meine Hand auf sein Gesicht und erhöhe den Druck. Befreiungsschläge
Was hältst du davon, Traumhändler?“
Er ist kein Held, so sehr er es heute auch sein wollte, aber was Schlägereien angeht, verfügt er über die größere Erfahrung. Seine Faust trifft unvermittelt, hart und präzise auf meinen Kiefer.
Nichts.“
Und so ist es.
Schwarz.

Pochender Schmerz weckt mich. Der Strand ist in warmes Orange getaucht, aber ich friere erbärmlich. Vorsichtig hebe ich meinen Kopf von Jesses zusammengeknäulter Jacke und betaste meinen Kiefer. Jesse. Er sitzt direkt neben mir, die Schwellungen in seinem Gesicht sehen im sanften Morgenlicht bereits hässlich aus, aber als er sieht, dass ich wach bin, lächelt er. Hinter ihm erhebt sich eine filigrane Sandskulptur.
Ich lächele zurück.
Die dunklen Tage haben gerade erst begonnen.


Freitag, 13. März 2015

Im Beet (Tiens, Mallika!)

Er ist entschlossen, zu gehen.
Im Januar waren sie geflohen. Vor anklagenden Augen. Vor Lippen, die nicht müde wurden, bösartige Worte wie üblen Mundgeruch zu verbreiten. Sie kamen nicht an, flohen nun voreinander. Er in sein Studium, sie in die Gärtnerei. Wie Schlafwandelnde trafen sie abends aufeinander. Er kochte Gerichte, die er schweigend vor dem Fernseher verzehrte, während sie nach wenigen Bissen das Besteck nieder legte und schlafen ging. Blaue Schatten wuchsen unter ihren Augen. Das Schweigen gedieh zwischen ihnen beiden, grub fahle Wurzeln in den vergiften Boden. Nachts erwachte er von ihren Schreien, ihren trommelnden Fäusten und ihren Nägeln, die sich gnadenlos in seine Brust krallten. Die wenigen Male die sie miteinander schliefen waren unerträglich. Ängstlich huschten ihre Augen über sein Gesicht, ihr Feenkörper versteifte sich und später lag sie zitternd und weinend in seinen Armen. Sie fiel und er konnte sie nicht halten. Das Tier war gefangen, aber die Dämonen hatten sie verfolgt.
Der Exorzist war ein Blumengroßhändler und statt eines Rosenkranzes, brachte er drei Paletten verkümmerter Gardeniensetzlinge. Sie verbrachte ihre Tage im Gewächshaus, zählte die Pflanzentriebe wie eine Mutter die Finger und Zehen ihres Neugeborenen. Einige spezielle Sorgenkinder platzierte sie auf den Fensterbänken der Wohnung. Anfangs beunruhige ihn ihr Eifer, er versuchte sich in der Analyse und gab es schließlich auf. Der Grund war jenes Rot, das ihre Wangen färbte, wenn sie abends von ihren Pflanzen sprach. Der Grund war ihr tiefer ruhiger Schlaf, die Erschöpfung, die Albträumen keinen Raum ließ und das Flüstern, dass sie leben wolle.
Der April zog ungewohnt mild ins Land, ließ Verkümmertes wachsen und weckte ihn eines Morgens mit einem schwachen, betörenden Geruch, der ihn auch den restlichen Tag über nicht verließ. Es war dieser Geruch, der ihn am frühen Abend dazu brachte sie entgegen seiner Gewohnheit von der Arbeit abzuholen. Der Laden war bereits geschlossen und er betrat das Gewächshaus wo ihn die Sinneseindrücke überwältigten.
Subtropisch schlug es ihm entgegen, der vertraute Duft um ein vielfaches verstärkt, unterlegt von Tönen, die ihn verschwommen an den Musikunterricht erinnerten. “Sie spielt ihnen Delibes vor, natürlich.” Das Lächeln, das diesem Gedanken folgen wollte, entschied sich anders. Denn da war sie, die Augen geschlossen, filigranes Muskelspiel, kein Tanz sondern eine so hingebungsvolle Liebeserklärung an die Musik, dass er sich wie ein Spanner fühlte. Aber keine Wut lag in ihrem Gesicht als sie ihn sah, sondern etwas Fremdes, Anziehendes. Er hatte sie nur küssen wollen und es war nicht so sehr die Tatsache, dass sie die Schürze von ihrem Körper gleiten ließ oder die Entdeckung, dass sie darunter nackt war, als ihr Blick, fest und fordernd, der mehr verlangte. Später, als sie einander lächelnd die warme, klebrige Erde von den erschöpften Körpern wischten und das zerwühlte Beet wieder glatt harkten, kam die Angst.
Unbegründet. Der Sommer war üppig. Tag und Nacht wehte eine sanfte Brise, trug den Duft der blühenden Gardenien in die Wohnung und trocknete den Schweiß. Der Sommer klang nach ihrem überraschend kehligen Lachen und schmeckte würzig. An jenem Nachmittag im Gewächshaus hatte er geglaubt, Lust in ihren Augen zu sehen, aber es war mehr. Maßloser Hunger und nichts vermochte ihn zu stillen. Eine wilde Routine stellte sich ein. Abends kochte er opulente, scharfe Gerichte, die sie gierig verschlang und dazu Rotwein trank. Sie wuchs. Wenn sie sich liebten, schlangen sich muskulöse Beine um seine Hüften, war es ein sinnlicher Körper, der dann erschöpft über seinem zusammen sank. Im Dunkeln lagen sie nebeneinander, gönnten ihren ausgelaugten Körpern Ruhe und flüsterten von der Zukunft. Hin und wieder blickte er zu der Silhouette der Blüte, die sich vor dem hellen Himmel der Stadt abzeichnete. Er war nicht eitel genug, um sich für ihre Veränderung verantwortlich zu fühlen und deshalb gönnte er ihren Pflanzen einen Teil der Leidenschaft. Morgens stand sie vor ihm auf, richtete die Blumentöpfe neu aus und fabrizierte im eigens dafür angeschafften Mörser ihre Düngemischung. Er mochte das stumpf knirschende Geräusch, noch mehr dessen Ende, denn es kündigte an, dass noch einmal ins Bett kam und mit ihm schlief bevor sie in den Tag gingen, der nur geschaffen war, um die Vorfreude auf das Wiedersehen zu steigern. Allein: der Wind flaute ab.
Der September lag stickig über der Stadt, als ihm das erste Mal auffiel, wie riesig die Pflanzen geworden waren. Er spürte leichten Widerwillen, als er eines der ledrigen Blätter berührte. Der Geruch war allgegenwärtig. Noch immer waren die Abende fröhlich, aber es fiel ihm immer schwerer, sich auf ihre Erzählungen, auf überhaupt etwas anderes als dieses schwere, süße Aroma zu konzentrieren. Seine Lust auf sie ließ nach, aber das schien sie nicht zu stören. Ruhig schlief sie neben ihm, während er wach lag und die Pflanzen so lange anstarrte, bis sich die fleischigen Blüten vor seinen Augen ins Monströse auswuchsen. Er bat sie, die Pflanzen aus der Wohnung zu schaffen, sie weigerte sich und zum ersten Mal stritten sie lautstark miteinander. Als er wütend und geschlagen das Haus verließ, wünschte er sich für einen kurzen, schuldbewussten Moment das zarte, gebrochene Wesen von einst herbei. Schon morgens verursachte ihm der Gardeniengeruch Übelkeit bis zum Erbrechen, schwefelgelb wie der Himmel vor einem Gewitter und höhnisch grinsten die Blüten von der Fensterbank, während das Geräusch des Stößels Löcher in seine Schädeldecke schlug.
Es ist kalt, aber besser als in der Wohnung, wo sie das Klima feucht und warm hält. Er hat es sich angewöhnt, vor ihr aufzustehen und dann in einem Café zu frühstücken. Nach der Uni besucht er oft Freunde oder bleibt in der Bibliothek bis diese schließt. Eigentlich ist er nur noch zum Schlafen zuhause und auch das wird sich ändern. Es ist wieder wie früher. Es ist schlimmer als früher, denn jetzt weiß er, wie es sein könnte, hat die bitter gewordene Erinnerung an diesen unglaublichen Sommer. Ein Kommilitone hat angerufen und ihm ein Zimmer angeboten. Deswegen kehrt er nun um anstatt zur Uni zu fahren. Er will es gleich hinter sich bringen. Im Treppenhaus empfängt ihn “Viens Mallika” in ohrenbetäubender Lautstärke und er schiebt die schimpfende Vermieterin beiseite und stürmt, immer drei Stufen auf einmal, nach oben denn noch lauter als die Musik hört er Poltern und ihre Schreie. Die Wohnungstür ist nur angelehnt und im Flur liegen Pflanzenteile zwischen Tonscherben und Erdhaufen. Auf dem Tisch steht der Mörser und daneben liegt ein kleines, irgendwie vertrautes Päckchen mit der Aufschrift “Diane” und dann hält er inne denn da steht sie. Nackt, mit einem Vorschlaghammer in der Hand und sein Blick fällt zuerst auf ihr tränenüberströmtes Gesicht und dann auf ihren gewölbten Bauch.

Dienstag, 17. Februar 2015

Emain Ablach (vollständig)

Es dauert nicht lange, bis ich einen Ort als Zuhause bezeichne. Jugendherbergen, Schullandheime, Ferienhäuser und nun diese Waldhütte. Kerzen brennen hinter den trüben Scheiben. Jennifer mag es, das Haus so zu beleuchten, warm und heimelig, sie liebt den Gedanken, mir den Weg zu weisen und ich lasse sie, obwohl die helle Exponiertheit mir nicht behagt. Ich hasse die Unsicherheit meiner Schritte auf den letzten Metern, weil sich meine Augen während des Heimwegs an die Finsternis gewöhnt haben und das Licht blendet. Lieber sähe ich das Haus im Dunkel mit dem dahinterliegenden Wald verschmelzen, aber das verschweige ich. Als wir hier ankamen, war ich sicher, dass wir einander fortan rauer und schonungsloser begegnen würden. Zusammengedrängt auf wenigen Quadratmetern, eine einzige Tür, die man nur dann hinter sich zuschlagen kann, wenn man zu kompromissloser Einsamkeit bereit ist. Tatsächlich sind wir sanfter miteinander geworden, verträglich und träge. Die Tage fordern uns, zähmen Temperamente und machen die Nächte weich. Es ist zu kalt, um einander Raum zu lassen.

Die Tür lässt sich nicht abschließen, aber wir verriegeln sie mit einem Vorhängeschloss. Es dauert, bis Jen öffnet und obwohl ich so lange in der Kälte war, ziehen sich diese Sekunden hin. Aber dann ist sie da, warme Haut, feuchter Atem und der Geruch von Wacholder. Die Euphorie in ihrer Begrüßung ist neu, gewachsen an Winter und Einöde. Meine Finger sind steif von der Kälte und sie hilft mir aus den Stiefeln, befreit mich aus Kleidungsschichten und flüstert Zärtliches. Immerhin haben wir seit dem Sommer fließendes Wasser, sodass sie nicht mehr für jeden Eimer zum Brunnen laufen muss. Die Wanne ist nicht mehr als ein metallener Trog, aber ich weiß sie zu schätzen. Das warme Wasser entspannt die erschöpften Muskeln und treibt die Kälte aus. Jens Hände gleiten durch mein Haar, entfernen Späne und entwirren vom Harz verklebte Strähnen. Die Unterwürfigkeit verunsichert mich, aber auch sie gestehe ich ihr zu. Eine stumme, duldende Entschuldigung für die Jahre in denen ich ihre Fürsorge mit grausamen Worten zurückgewiesen habe. Im Fleisch zwischen Daumen und Zeigefinger meiner rechten Hand steckt ein Splitter, der spitz genug war, durch die Handschuhe zu dringen. Jen entfernt ihn vorsichtig. Mit Infektionen ist hier draußen nicht zu spaßen, ein Arztbesuch bedeutet eine zweistündige Autofahrt. Als sie später Jod auf die Stelle tupft, schimpft sie über die Arbeit. Sie hasst die Stunden, in denen ich fort bin und die derbe Ausdrucksweise, welche ich nach einem Tag dort draußen nur langsam wieder ablege und vor allem hasst sie es, dass die Anstrengung meinen Körper hart und kantig macht. Ich mag diese Arbeit und die Menschen, denen ich dort begegne. Rau und unerträglich ehrlich. Außerdem sind wir auf das Geld angewiesen. Als wir hier ankamen, entdeckte Jen den verwahrlosten Pflanzgarten und arbeitete dort mit unbekannter Verbissenheit. Die Ernte war gut, aber noch reicht sie nicht aus, um uns zu versorgen. Weitere Sommer werden kommen müssen.

Zum Abendessen gibt es Reibekuchen mit warmem Apfelmus. Die Gläser mit eingekochtem Obst stehen in dem wackligen Küchenregal, noch mehr davon stapeln sich in dem kleinen Kellerverschlag. Dazwischen Kartoffeln, Kräuter und getrocknete Pilze. Wir waren zu unerfahren, um den Rest zu konservieren. Jen entdeckte den Schimmel auf ihrem Tomatenchutney als ich im Wald war. Als ich zurück kam, fand ich sie weinend zwischen zerschmetterten Einmachgläsern. Ihr Anblick versetzte mich in Panik, im ersten Moment hielt ich die rote Masse mit der sie beschmiert war für Blut. Vielleicht packte ich sie zu hart, war zu ruppig, als ich die Flüssigkeit beiseite wischte und ihre Arme nach vermeintlichen Wunden absuchte. Sie schlug mir ins Gesicht, in den Augen eine Mischung aus Wut und so elementarer Angst, dass ich mehr davon als von der Wucht des Schlags zurücktaumelte. Sofort war sie bei mir, streichelnd und schluchzend. Ich weiß nicht mehr, wie oft sie sich in den folgenden Tagen entschuldigte. Für die Ohrfeige, das verdorbene Essen und den Kontrollverlust. Ich nahm an, wieder und wieder. Ich verstand Frust und Enttäuschung. Einzig für ihre Angst vor mir bat sie nie um Verzeihung. Und ich vergab nicht, dass sie ihn in mir gesehen hatte.

Viel habe ich nicht mitgenommen. Den Schlafsack, der uns als Decke dient. Das Handy für Notfälle. Vom Haus aus muss man einige Schritte gehen, um ein Netz zu finden, aber wir schalten es nie an. Das schmale Etui, das die mittlerweile stumpfen Jagdmesser meines Vaters enthielt. Dunkles Leder mit goldenem Monogramm. Früher war es überall. A.P. Auf Badetüchern, Tischfeuerzeugen, Servietten. Nachdem ich mit 16 auf einer Party einen schlechten Trip erwischt hatte, zog ich mich Zuhause vor dem Spiegel aus, getrieben von der Vorstellung, die elenden Buchstaben auch auf meinem Körper zu finden. Tatsächlich hat er mich viel tiefer markiert. Sein Stempel prangt auf meiner Seele. Hier könnte ich ihn loswerden. Mich lange genug dem rauen Klima aussetzen, bis er abblättert und verwittert wie das Monogramm auf dem Etui. Heute liegen darin zwei Fotos. Ein Portrait meiner Mutter, um nicht zu vergessen. Ein Bild ihres Grabes, um nie zu vergessen. Mein Leben in einer Kiste, Jens daneben. Ich weiß nicht, was sie mitgenommen hat, diese Kisten sind tabu und ich schiebe sie vorsichtig beiseite, um an das Nähzeug zu gelangen. Während ich meine Socken stopfe, liest sie aus einem der Bücher vor, die ihr Onkel hier gelassen hat. Die Hütte ist geschaffen für ihre Stimme, klein genug, um davon ausgefüllt zu werden. Vielleicht ist sie auch mit ihr gewachsen, hat Resonanz und Volumen ihrem neuen Wesen angeglichen. In unserem alten Haus klang sie dünn und brüchig. An jenem Abend, als er sie zum ersten Mal mit nach Hause brachte, wollte sie mir vorlesen. Damals war ich zehn Jahre alt und meine Mutter seit vier Monaten begraben. Jen wusste nichts davon, arglos und großäugig war sie dem Monster in seine Höhle gefolgt und versuchte, dort zu überleben. Ich war ihr dabei keine große Hilfe, aber sie lernte schnell. Funktionieren war wichtig.

Im Dunkeln gleitet Jens Hand zwischen meine Beine. Das war nie mein Plan. Ich wollte, dass er das Haus verlassen vorfindet, die Puppenstube geräumt. Mein Verlust allein schien nicht genug, wenn ihm noch eine Marionette blieb. Das folgende Gespräch mit Jen war das längste, das wir in all den Jahren des Zusammenlebens führten. Ich war mir sicher, dass sie verstehen würde. Naiv war sie, aber nicht ihrer Instinkte beraubt und sie hatte längst begriffen, dass ihr Weg sie dorthin führen würde, wo die Überreste meiner Mutter lagen. Jen überraschte mich nicht nur mit ihrer Zustimmung, sondern auch mit einem konkreten Plan und Ziel. Ihre Entschlossenheit war so neu und fremd, dass ich erst in dem Moment in dem ich das Auto vor der verlassenen Jagdhütte ihres Onkels parkte realisierte, dass wir es tatsächlich durchgezogen hatten. Anfangs redeten wir kaum miteinander. Aus Gewohnheit, aber auch überwältigt von der neuen Freiheit und voller Angst, davor dass der Andere zweifeln könnte. Mit der Zeit verlor unser Schweigen die Befangenheit, wurde angenehm und vertraulich. Erst danach wurden aus knappen Worten Gespräche und wir entdeckten neue Seiten aneinander. Als ich Jens Geschick im Umgang mit den Pflanzen bewunderte, erfuhr ich, dass sie gelernte Gärtnerin war. In unserem früheren Leben hätte ich mir nicht vorstellen können, wie ihre schmalen blassen Hände in der Erde wühlten. Hier draußen war es anders. Das Land schliff uns, trug Schutzschichten ab und legte unsere wahre Natur frei. Warm wich das Frühjahr dem Sommer. Ich fand Arbeit bei den Holzfällern. Harte Arbeit, aber es gab Geld und niemand stellte unangenehme Fragen. Die Tage wurden länger und der Garten grün. Als ich eines Abends nach Hause kam, wässerte Jen ein neu angelegtes Beet. Ihre Haare waren strähnig und feuchte Erde klebte zuerst nur an ihren blassen Beinen, später überall. Danach schlief ich nie wieder auf dem Boden. Jen ist geschickt, weiß die Müdigkeit für einige Zeit aus meinen Knochen zu vertreiben. Ich lerne, sie zu begehren, ficke nicht länger seine Frau sondern schlafe mit Jen. Warm, weich und gut.

Später bleibt sie bei mir, legt ein Bein um meine Hüfte und flüstert in mein Ohr. Ich schlafe schon beinahe, aber auch mein Unterbewusstsein weiß, dass sich ihre Aussagen irgendwann zu Fragen wandeln und eine Antwort erfordern werden. Eine Entscheidung, die ich hinaus schiebe. Wir wurden in ein gemeinsames Leben gezwungen. Gefunden haben wir einander erst hier draußen in der warmen feuchten Erde. Ich weiß, wie rot ihr Haar im Schein des Lagerfeuers leuchtet, wie sie nach einem Arbeitstag duftet und wie das Flusswasser aus ihrem Bauchnabel schmeckt. Dennoch bleibt die Angst, sie könnte eines Tages kapitulieren, schwach werden und vor den Umständen in die Knie gehen. Ich schiebe den Gedanken mit Jens Bedürfnissen beiseite, lasse mich einlullen von der Müdigkeit, der Wärme und ihren Worten.

Ich erwache vom Knarren der Tür. Kurz darauf wird es so hell, dass ich die Augen zusammenkneifen muss. Neben mir ist es kalt, Jens Körper fehlt und ebenso das Messer, das eigentlich auf dem Fenstersims liegen sollte. Die Stimme ist bekannt, gibt in kurzen Sätzen Anweisungen und dann zerren mich kräftige Arme aus dem Bett. Er ist nicht allein gekommen. Tatsächlich sind sie zu viert. Langsam gewöhnen sich meine Augen an das Licht. Sein Gesicht ist kantig und ausdruckslos und doch spüre ich, wie seine Wut den ganzen Raum füllt. Er hat mich nie angerührt und auch heute tut er es nicht. Stattdessen nickt er knapp und einer seiner Handlanger schlägt mir ins Gesicht. Mein Kopf fliegt zur Seite und eine plötzliche unangenehme Hitze breitet sich von der linken Wange aus über mein Gesicht aus. Keine Pause, dem ersten Schlag folgen weitere. Mein Kopf dröhnt und bevor es um mich herum dunkel wird, sehe ich Jen neben der Tür. Sie trägt ein fremdes, spitzenbesetztes Nachthemd und hält das Messer mit dem Monogramm an ihre Brust gepresst. Sie kapituliert nicht. Sie funktioniert. Prächtig. 



Montag, 10. November 2014

Lysanders Kern



Lysander wacht zur späten Stund'
Absinth im Kopf, die Finger wund
Vom Schreiben ohne Unterlass
Schreibt er von Liebe, schreibt von Hass
Er schreibt so viel, er schreibt so schnell
Grammatik schwach, Metaphern grell
Die Bilder müde und verbraucht
Das Versmaß traurig und geschlaucht
Er wühlt im Innern, sucht nach Tiefen
Talenten, die so lange schliefen
Er geht in sich, meditiert
Fuchtelt, fingert, masturbiert
Bewundert dann nach jedem Schuss
Den vor ihm liegenden Erguss
Er liebt sich sehr, er liest sich gern
Dies also ist Lysanders Kern

Montag, 20. Oktober 2014

Gebunden.

 
 
Ich las am Rechner
 so vor mich hin
Und nicht zu fluchen, 
das war mein Sinn

Im Mailfach sah ich
 die Nachricht stehn
Eifrig blinkend 
und gar nicht schön.

Ich wollte sie löschen, 
da fragte sie fein:
"Soll ich ungelesen
 verschwunden sein?"

Mit allen Anhängen
 grub ich sie aus.
Komm' heute nicht
 vor zehn nach Haus.

Nun sitz' ich hier
 am einsamen Ort.
Lektoriere den Scheiß
 und komm nie mehr fort.

Freitag, 17. Oktober 2014

La vie en pose




Wie schön dich hier zu sehen
Erwart' nicht allzuviel
Ich wollte gerade gehen
Gehört zu meinem Spiel

„Zuerst musst du mich finden“
Sag' ich mysteriös
Ich will mich ungern binden
Bin wild und kapriziös

Und schaust du zu begierig,
 Lösch' ich das Feuer fix
Ich bin so gerne schwierig
Denn sonst wär' ich ja nix

Bezeichne, dich zu locken,
Mich oft als kompliziert
Yeah, Babe, Neurosen rocken
Schön, wenn's dich irritiert

Ich flüst're von Bedenken
Verlusten und dem Ex
Um dich mal abzulenken
Ganz gerne auch beim Sex

Ich hab' so viele Träume
So Vieles was ich brauch'
Am meisten die Freiräume
Wie jetzt, DU träumst auch?


Beharre auf die Freiheit
Und mein' damit nicht dich
Es gibt in dieser Einheit
Ausschließlich uns und mich


Und wird’s für dich zu viel
Bleibt's für mich doch win-win
Beglück' mit noch mehr Spiel
Den nächsten Neubeginn

Montag, 18. August 2014

Damoklespfützen



Eine Reizwortgeschichte inspiriert von Westendstories




Zwischen durchgeweichten Keksen und Salzstangen finde ich im hintersten Küchenschrank einen Schokoriegel. Ich stecke ihn in meine Tasche und will zurück nach oben, als ich es höre. Etwas klopft gegen die Kellertür. Leise und monoton, aber mit nervenaufreibender Hartnäckigkeit. Die Flut hat den leeren Wäschekorb nach oben getragen und nun schwemmt sie ihn ins Wohnzimmer. Nach den Ratten, den Spinnen und dem Eichhörnchen, das uns beide überraschte, der letzte Flüchtling und ich trage ihn zu dir in den ersten Stock. Du hast viel in dieses Haus investiert. Genug Zeit, Schweiß und Blut, um es zu einem Teil von dir zu machen. Winzig, verschroben und uralt war es auf den ersten Blick meine Liebe, aber es wurde deine Leidenschaft. Nun liegt es im Sterben. Vorgestern gesellte sich Sturm zum Regen und deckte Teile des Daches ab. Jetzt kommt das Wasser nicht mehr nur von unten. Eimer, Töpfe, sogar Kaffeetassen stehen auf dem Speicher, um das Schlimmste hinauszuzögern. Mit dem Ausleeren wechseln wir uns ab, aber während der letzten Nachtschicht bist du eingeschlafen und obwohl ich unsere letzten trockenen Geschirrtücher benutzt habe, um das übergelaufene Wasser aufzuwischen, vergrößern sich die feuchten Kreise an unserer Schlafzimmerdecke weiter. Damoklespfützen. Nichts wird mehr richtig trocken, die Luft ist feucht und kühl. „Klamm ist das neue Schwarz“, lächelst du und reibst die wunden Stellen an meinen Füßen mit Salbe ein. Merkwürdig, dass etwas gleichzeitig nässen und brennen kann. Es war dumm von mir, ohne Socken in die Gummistiefel zu schlüpfen, aber du bist nicht wütend. Ich bin es ständig. Wütend auf das nie abbrechende Geräusch tropfenden Wassers, die wellige Tapetenabschlusskante, das schimmelnde Brot, am meisten aber über deine Entscheidung, hierzubleiben. Nicht zu gehen an dem Tag an dem der Supermarkt schloss und die meisten Bewohner dieses Ortes vor dem steigenden Wasser flohen. Jetzt ist es zu spät. Wir sind eingeschlossen, gefangen auf der kleiner werdenden Insel, gefangen mit dem Wasser, den Tieren und miteinander. Dir scheint es egal, du hast dich ergeben, ein Verhalten, das mir so fremd ist wie der Bart in deinem Gesicht. Leises Grollen, eine sanfte Erschütterung. Das Fundament ist durchgeweicht, nachgiebig. Putz rieselt auf uns herab bevor ein Riss in der Decke erscheint. Wir müssen das Schlafzimmer aufgeben. Du hast es vorausgesehen und alles Wertvolle ins Arbeitszimmer geschafft. Photoalben, Dokumente, die kleineren Möbel und meine Plattensammlung, alles thront auf dem hässlichen Zebrafell, das du von deinem Vater geerbt hast. Du kletterst aufs Dach, um den Schaden zu begutachten. Ich suche mir einen Platz zwischen dem Gerümpel und gehe die Platten durch. Cassandra Complex, die Pixies, die Ramones. Seit einer Woche haben wir keinen Strom mehr und mit den Batterien gehen wir sparsam um. Das Radio schalten wir zur vollen Stunde ein, noch immer hoffnungsfroh. Anfangs waren wir genervt von den immer gleichen Ansagen. Aufmunterungsversuche, Durchalteparolen, sinnlos. Seitdem nur noch Rauschen zu hören ist, sehne ich sie herbei. Auch mit den Kerzen müssen wir sparsam sein. Die Nächte ziehen sich. Schlafen fällt schwer, wir sind immer erschöpft aber niemals müde und es gibt nichts zu tun. Schweigen gräbt sich ein. Dazwischen halbherziges Ficken. Körper, Herz, Seele. Alles schwindet. Ich ziehe den Riegel aus meiner Tasche, weiß, dass ich ihn teilen sollte, aber sobald er ausgepackt ist vermag ich es nicht mehr. Ein Rumpeln, dann deine Stimme. Leise durch den Sturm, aber etwas macht sie laut und schrill. Ich liege auf dem Fell, der Geschmack der Schokolade ist überwältigend, die lange vergessene Süße nimmt einen Großteil meiner Wahrnehmung in Anspruch, sodass ich nicht bemerke, wie du verstummst.

Donnerstag, 31. Juli 2014

Felder und Schlachten






Originalfoto von Angelika Weis




Morgen: Ich bin zurückgekommen, um festzustellen, dass diese Stadt nur noch bei Nacht zumutbar ist. In der Sonne ist es unerträglich heiß, aber die Schattenplätze sind überfüllt. Ist der Himmel nicht grellweiß, kleidet er sich schwefelgelb und die Hitze wechselt von stechend zu drückend. Zu eng, zu laut, zu voll. Kleidung, die in krampfadriges Wadenfleisch schneidet und haarige Leberflecke präsentiert, über allem der Geruch von Schweiß, irgendwo zwischen Essig und Zwiebeln. Inmitten der hässlichen Menschen bin ich die Hässlichste. Der Pareo wirkt albern, ein hilfloser Versuch. Die gebräunte Haut meiner Beine glänzt jetzt billig und mein Gestank lässt mich würgen. Verzweifelt suche ich nach den Gefühlen der vergangenen Wochen. Leichtigkeit, Freiheit und Übermut, der unübertreffliche Cocktail aller Abschlussfahrten. Gierig hatte ich all die Eindrücke aufgesogen, auf jede erdenkliche Weise konserviert, bereits getrieben von der Angst, zu vergessen. Gegen Ende war da sogar ein Hauch von Sehnsucht nach der Stadt und dem Wiedersehen mit dem Menschen. Geblieben sind Abscheu und Furcht und letztere steigert sich, während ich durch das muffig riechende Treppenhaus nach oben gehe. Er weiß, dass ich zurück bin, beinahe pünktlich und dennoch muss ich mehrfach klingeln, bevor er mir öffnet. Innerhalb von zwei Wochen hat er aus der Wohnung ein Dreckloch gemacht und als ich die Rolläden hochkurbele um frische Luft herein zu lassen, sehe ich, dass er sich selbst als Inventar zu betrachten scheint. Der Sommer hat ihn nicht einmal gestreift, seine Haut ist bleich, trocken und um die Augen dunkel. Ich trete auf einen Joghurtbecher und sauer riechende Masse quillt auf die Bodendielen. Worte, die meisten davon grob und hässlich, bahnen sich ihren Weg. Jene Härte, hinter der ich Verzweiflung verberge, die mir das Gefühl gibt, stark und mutig zu sein. Sie prallt ab an seiner Schutzschicht aus Dreck, perlt von seinem fettigen Haar und zerplatzt an den abgekauten, zackigen Rändern der Fingernägel. Er zuckt die Achseln und breitet die Arme aus. Auf den ersten Blick hilflos und entschuldigend, tatsächlich aber eine Machtdemonstration. Narben - alt, jung, verblasst, erhaben, rot - allesamt überzeugender als meine Worte. „Du hast gefehlt.“ Ich bin zu angespannt, um nach Gründen zu fragen.

Mittag: Die Kochnische ist noch am saubersten, was er in den letzten beiden Wochen gegessen hat kann ich an den Resten und Verpackungen auf dem Boden erkennen. Später stehen drei volle Müllsäcke im Flur. Schweiß und Essigreiniger brennen in kleinen Schrammen, mein Körper fühlt sich so roh und wund an, dass ich mich nicht traue, die nassen Kleider auszuziehen, aus Angst ich könnte meine Haut mit abstreifen.
Noch immer rauscht die Dusche und ich versichere mir zum wiederholten Mal, dass er die Zeit jetzt braucht und ich den Aufprall hören würde. Zwischen den Polstern des Sofas finde ich ein Foto. Fast hätte ich es in die Schublade zu den anderen gelegt. Familienbilder. Er, seine Brüder. Die Gesichter seiner Eltern hat er entfernt, je nach Gemütslage sauber mit der Rasierklinge ausgeschnitten, an den heftigeren Tagen mit der Zigarettenspitze weggebrannt, gerissen, gebissen. Dieses Bild allerdings zeigt uns vor einem halben Jahr. An jenem ersten Abend. Das letzte Schulhalbjahr hatte begonnen, die Vergangenheit löste sich auf, während die Zukunft noch im Nebel lag.. Alles schmeckte fad, alles langweilte und zugleich war ich auf der Suche nach Halt. Er war da, auf einer jener Partys, die zu Finanzierungszwecken nun beinahe wöchentlich stattfanden. Inmitten der Menschen, die sich den Ausdruck gelangweilter Lässigkeit ins Gesicht zwangen, war er ein Lächeln, ein aufrichtiger Blick und ein Gespräch. Er war da, als Winterkälte aus Alleinsein Einsamkeit machte und etwas fehlte.

Abend: Seine hellen Augen sind klar und wach, meine Haut verschwitzt und schmutzig. Ich will nicht, dass er mich jetzt berührt, kralle die Fingernägel in die Handflächen, als er den Kopf in meinen Schoß legt und sein sauberes, feuchtes Haar auf die glühende Haut meines Oberschenkels fällt. Und doch ist es gut. Er besitzt eine Schönheit, deren Reiz ich mich nicht entziehen kann. Eine perfekte Hülle hinter der ein ebenso unwiderstehlicher Abgrund lauert. Ich habe ihn gesehen und man hat mich davor gewarnt. „Sei vorsichtig“, flüsterte mir sein Bruder zu, als er uns einander vorstellte, „er ist anders.“ Anders. An jenem Abend klang es wild, abenteuerlich und verlockend. Er kannte schöne und kluge Worte und besaß die Fähigkeit, sie mir zu widmen, wagte zu tanzen ohne zu trinken. Inertia creeps, You get what you give, Spanish Flea. Romeo und Perdita. Anders. Wie passend und schön es damals klang. Wie schmerzvoll, es neu zu definieren. „Du hast gefehlt.“ Ich bin zu müde und elend, um nach Gründen zu fragen.

Nacht: Er hat die Matratze auf den Balkon geschleift, weil er unter freiem Himmel schlafen will. Ich habe eine Brise erhofft, eine Abkühlung oder zumindest eine wahrnehmbare Temperaturveränderung, aber kein Luftzug wagt sich ins geschwürzerfessene Gedärm der Häuserschluchten. Noch immer ist es laut dort unten, man feiert die eigenen Abgründe, zeigt einander kichernd die vom Leben geschlagenen Wunden und verwechselt sie mit Erfahrung. Hier oben sitzen wir und versuchen, nicht zu verbluten. „Die Stadt frisst die Sterne.“ Er sitzt auf der Brüstung und starrt in den orangefarbenen Schimmer, hinter dem sich die Nacht verbirgt. Ich folge seinem Blick, finde den Schützen, beide Wagen und die elende Wega, aber keinen Trost. Sterne, Kometen, Leoniden. Am schönsten im freien Fall und sicherheitshalber umschlinge ich sein Bein. Zu dünn, aber er wartet nur darauf, dass ich etwas sage. Masochistische Vorfreude in seinen Augen und ein angriffslustiges Lächeln auf den schönen Lippen. Wenn ich mich auf Härte berufe, nutzt er seine analytischen Fähigkeiten, spürt Schwachpunkte zielgenau auf und weiß sie zu treffen. Wann immer Wut und Schmerz zu groß werden, schafft er sich ein neues Schlachtfeld, das seine volle Aufmerksamkeit fordert. Einen schuldbewussten Moment lang wünsche ich mir seine Verzweiflung zurück. Schweigend ziehe ich ihn zu mir auf die Matratze. Er lässt es zu, wird Marionette, Puppe, eine überwältigende und reglose Reliefkarte. Fasziniert streiche ich durch das nachtschwarze Haar, grabe die Zähne in die weiche Haut oberhalb seines Schlüsselbeins und kratze ihm Sternbilder in die Brust. Ich fürchte die messerscharfen Rippen und die Grate der Hüftknochen. Täler sind mir lieber und ich bin zu aufgeputscht und geil, um nach Gründen zu fragen.

Mitternacht: Es ist still geworden und die letzten Lichter sind erloschen. Über uns gibt sich die Nacht samtig und lässt den Sternen den Vortritt. Sein Gesicht ist friedlich, sticht mir ins Herz und in diesem ruhigen Moment ist mein Wunsch ihn zu retten selbstlos. Eine Zeit lang bleiben wir stumm, genießen die Hoffnung bevor wir sie gemeinsam zerstören. Ich mit meiner Frage nach den Gründen, er indem er mich mit seiner Antwort zurück in die Schlacht schickt:
„.Es ist furchtbar, mit mir allein zu sein.“


Inspiration:
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Dienstag, 15. Juli 2014

Angst






Manche sagen, ihre Zeit sei die Nacht, aber das sehe ich anders. Vielleicht bietet die Nacht mehr Möglichkeiten, erlaubt durch den Mangel an Reizen eine intensivere Beschäftigung mit ihr, aber präsent ist sie immer. Jetzt gerade nimmt sie zu, wartet nicht länger bis freie Momente zur Verfügung stehen, sondern stiehlt sie von meinem Alltag. Sie ist die Hand um meine Kehle, die Erhöhung der Stimmlage und das Herzrasen. Sie malt Trugbilder, verleiht der Realität Vielschichtigkeit und legt hässliche Masken auf die Gesichter der Menschen. Auch und gerade auf die derjenigen, die mir wohlgesonnen sind. In diesen Tagen macht es keinen Unterschied. Ich fürchte sie genug, um sie zu personifizieren, gliedere sie aus und merke dabei, dass es genau der falsche Weg ist. Also nenne ich sie Angst. Sie kommt von Innen, ist tonnenschweres Gewicht und nagender Zahn in meinen Eingeweiden. Dass ich so fühlen dürfe, ist ein gutgemeinter Rat, ich weiß um die Absicht dahinter und erkenne die Freundlichkeit dieser Worte an. Von Nutzen allerdings sind sie nicht. Letztlich ist es der Angst egal, ob ihre Existenz legitimiert wurde, sie ist einfach da. Und sie wächst, wächst sich aus zu etwas, das Fachnamen trägt und mich im Haus ankettet. Es wird schwieriger, den Körper vor die Tür zu zwingen und meist verlangt er dafür eine Belohnung in Form von Substanzen, die ihm nicht gut tun. Sie schmälern die Angst, aber töten das Ich. Das Ich. Und warum du überhaupt? Du wirkst immer so... . Genau. Vielmehr glaube ich sogar, dass jene Fassade der Mensch ist der ich sein kann. Könnte. Ohne die Angst und die vielen Mittel, die sie einen Moment lang beiseite zwingen. Woher kommt sie? Ist sie atavistisch, basiert sie auf einer Begebenheit? Tausend Antworten, für das Thema hat keine davon Relevanz, weil es egal ist, woraus sie resultiert. Wichtig ist, dass sie da ist. Vertraut, aber mit neuem Unterton, belastender und einschränkender denn je. Die Angst.

Dienstag, 4. März 2014

Mentalisierung/Fragmente





Originalfoto von Angelika Weis




Wir sind Schatten. Wir warten in jeder schlecht beleuchteten Straße, jedem uneinsehbaren Winkel. Wir lauern in den Sekunden, die zwischen dem Betreten eines dunklen Raums und dem Ertasten des Lichtschalters liegen. Du weißt, wie sich unser Atem in deinem Nacken anfühlt, aber du hast verlernt, ihn von einem Windhauch zu unterscheiden.

Die Brutalität mit der die Grenzen niedergerissen worden waren, verhieß einen Strom, aber der Wahnsinn war ein Rinnsal. Es sickerte durch die Schichten der Realität, versetzte dem Bewusstsein unregelmäßige Impulse und zwang es zurück in den Körper.

Wir sind Schmerz. Das Knirschen deiner Wirbelsäule auf dem Mahagonischreibtisch. Das glühende
Ende der Zigarette auf deiner Haut und das Knacken deines Nasenbeins. Das Messer in deinen Eingeweiden, das Stechen und Reißen.

„Viel sieht man nicht. Wie lange ist das her?“
„14 Tage.“
„Sie hätten früher kommen müssen. Jetzt kann man nichts mehr machen. Wie ist das denn passiert?“
Er war ziemlich betrunken und auch etwas abgelenkt, weil einer der anderen einen Witz gemacht hatte und als er aufstehen wollte, hat er sich versehentlich in meinem Gesicht abgestützt.
„Beim Skaten gegen ein Schild gefahren.“
„Oh. Sie haben aber gefährliche Hobbies. Das nächste Mal dann etwas vorsichtiger, ja?“
Ja. Das nächste Mal dann.
„Ich sehe da derzeit keine Schwierigkeiten, was das Atmen angeht.“
Ich auch nicht, es ist unmöglich.
„Bliebe der kosmetische Aspekt.“
Unvermittelt zieht er einen Spiegel hervor und ich beiße mir auf die Lippen, um nicht zu schreien.
„Wie gesagt, man sieht es kaum, eine leichte Asymmetrie, sie fällt gar nicht auf.“
Nein, angesichts der allgemeinen Schräglage kann man das wirklich nicht behaupten.
„Wenn Sie mich fragen, steht einer Modelkarriere nichts im Wege.“
Er lacht freundlich und ich lache zurück, bis ich den Anblick seiner weißen Zähne nicht mehr ertrage und wegsehe. Hinter dem Schreibtisch materialisieren sich die Schatten.

Wir sind die Lüge. Das Zähnefletschen hinter deinem Lächeln und das Zucken deiner Lider, wenn Freunde sich nach deinem Befinden erkundigen.

Seine Augen sind unversehrt, helle Projektoren und das Wissen darin unauslöschbar. Das umliegende Gesicht trägt Kampfspuren. Beim Versuch sie beiseite zu wischen verliere ich zwei Finger und er eine fragend gehobene Braue. Noch immer glaubt er daran, dass man alles hinter sich lassen kann, wenn man nur schnell genug läuft. Der Läufer hält meine Hand fest umklammert, Hoffnung trägt ihn und atemlos flüstert er von Liebe. Ich taumele hinterher, stolpere über seine unbeholfene Fürsorge und zerschelle an seinem Mitleid.

Wir sind der Hass, die zerstörerische Kraft hinter deiner Ohnmacht. Jedes grausame Wort, das du den Deinen entgegen schleuderst. Wir sind bei dir, wenn du durch die düsteren Ecken der Stadt ziehst, ein Streuner auf der Suche nach einer Gelegenheit. Wir sind der Triumph, der deinen Treffern innewohnt und die nachtschwarze Befriedigung über jeden Schlag den du einstecken musst.

Die Monster haben ihren Platz unter dem Bett schon lange verlassen. Auch auf die Nacht sind sie nicht mehr angewiesen. An den guten Tagen gelingt es mir, sie zu ertränken. An den schlechten nicht.

Wir sind die Angst. Das unkontrollierbare Zittern, die Panik, die nach Patchouli, Schweiß und Blut stinkt. Wir sind die brüchige Stimme der Unsicherheit, wann immer du mit einem Fremden allein bist.

Ich siege nicht. Ich beuge mich der Vergangenheit, schreibe die Gesetze des Erträglichen neu und warte, ob mir das Überleben vergönnt ist. Manchmal sieht es gut aus. Heute nicht.

Wir sind Schatten. Wir warten in jeder schlecht beleuchteten Straße, jedem uneinsehbaren Winkel. Wir lauern in den Sekunden, die zwischen dem Betreten eines dunklen Raums und dem Ertasten des Lichtschalters liegen. Du weißt, wie sich unser Atem in deinem Nacken anfühlt, aber du hast verlernt, ihn von einem Lufthauch zu unterscheiden. Wir sind da und wir werden bleiben. Lass uns spielen!

Keine Lust.

Hast du Angst? Du wirkst eingeschüchtert.

Das täuscht. Ich bin müde.




Samstag, 25. Januar 2014

...in a heartbeat






Nun, da die Orkane über das Land toben wie der Wahnsinn durch die Städte und die letzten Tage an Fingern zählbar sind, flüsterst du lange vergessene Gebete in den roten Himmel. Sicherheitshalber variierst du nicht nur Sprache und Intonation, sondern auch die Adressaten und wenngleich du ahnst, dass außer mir keiner mehr lauscht, ist mein Name der letzte auf deiner Liste.
Deine Stimme umspielt die Silben so seidig wie das dünne Gewand deinen Körper. Ich weiß, wie glatt deine Haut darunter ist, schweißfeucht von der Glut die jetzt mit dem Nachtwind zieht. Duftend und geschmeidig lockst du in der Finsternis, öffnest die Arme dem Sturm und hinter geschlossenen Lidern gewinnt dein Blick an Intensität.
Und doch warst du am schönsten, wenn ich dich von den Schlachtfeldern dieser Welt schleifte. Zerschunden und erschöpft, aber von deinen aufgerissenen Lippen perlten die weisen Worte der Grenzgänger. Todesnah warst du mir ebenbürtig. Der Zauber verflog, sobald dein Bewusstsein wieder einsetzte. Immer wolltest du die stumpfe Nadel und das gröbste Garn. Manchmal hielt ich dich zurück, wenn deine Finger an den frischen Nähten zerrten, manchmal war ich zu müde. Ohnehin fand der Morgen dich stets unversehrt und makellos.
Nun wirfst du dich auf die Knie, weinst um die verlorenen Narben und bist bereit, im Tausch gegen eine einzige Erinnerung deine Seele zu verscherbeln. Geister, Dämonen, Dunkelheit. So viele Titel hast du mir verliehen, mich in die Kostüme deiner Launen gesteckt, doch wenn das Ende kommt werde ich dir nackt und namenlos gegenübertreten.

Dienstag, 14. Januar 2014

WOLLEN








Es ist wie der zu lange Blick in den Spiegel oder das Wiederholen des eigenen Namens. Wenn mir Bekanntes fremd wird, weil sich die Perspektive ändert.
Meine Art der Einsamkeit ist weder selbst gewählt, noch belastend. Viel mehr macht sie mich frei. Ich habe keine Ziele, die ich nicht ohne jemanden an meiner Seite erreichen könnte. Und während ich meinem selbstbewussten Spiegelbild bewundernd zulächle, schleicht sich Bekanntes auf fremdem Weg in mein Leben, um dort vertraut zu werden.
Die Stadt ist müde. Unsicher in ihren Bedürfnissen, fällt sie an einem Tag in weißen Schlaf, um am Nächsten in grauen Fluten zu versinken. Ich lasse zu, dass sie mich mit nach unten zieht, gehe auf in der Masse, werde Herzschlag und Atem. Niemanden stört es, wenn ein Hauch im Nacken meine Hände nach unten oder mich ab und an auf die Jagd lenkt. Ich brauche niemanden, der mich auf ein Podest hebt und Einzigartigkeit vortäuscht.
Glatte Charaktere sind Projektionsflächen für zum Scheitern verurteilte Träume. Ihre schemenhafte Existenz ist zugleich Mittel, Gefühle am Wachsen zu hindern und ich umschiffe Kanten. Unerwartet kalt hält der November Einzug. Wir treffen einander unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen.
Mitternacht ist die Zeit der Wölfe. Pechschwarz gleiten sie durch die schmalen Straßen, ein anmutiger Kontrast zum verschlingenden Weiß. Wir kennen einander und meiden Kreuzungen. Einzig einige unerfahrene Jungtiere halten schnüffelnd inne, um kurz darauf mit einem winselnden Heulen dem Rudel zu folgen. Ich bin kein Opfer. Ich trage Messer auf Zunge, Herz und Seele.
Die Dunkelheit nimmt zu. Im Endeffekt ist es nur eine Frage verschwendeter Energie, ob ich mich zappelnd dagegen wehre oder mich kampflos ergebe und sanft hinein gleiten lasse. In der Finsternis stolpere ich über die leblosen Körper gescheiterter Lichtträger, deren Frustration die Schwärze noch undurchdringlicher macht. Panik hilft nichts. Atmen, weiter atmen, weil ich weiß, dass es nicht von Dauer ist.
Irgendwann hat das Leben bei jedem zugebissen, seine Nägel in hilfloses Fleisch geschlagen und Dramen auf die Haut Liebender geschrieben.Ich habe keine Illusionen. Nur einen Idealismus, der mich immer wieder zurück aufs Schlachtfeld treibt.
Und während ich verheilte Narben begutachtete, schlichst du auf unbekannten Wegen in mein Herz und machtest dich vertraut. Ich trage deinen Namen wie eine Pektorale und nicht wie einen Schild. Ich lasse mich jagen und mit einem Lächeln erlegen. Ich lasse mich entwaffnen und lehre dich das Schwimmen in der Finsternis.
Nicht, weil ich jemanden bräuchte.

Dienstag, 26. November 2013

Effet, mer, optera



 


 Sie kehren mit dem Sommer zurück, verwandeln den See vom Refugium zur Arena ihrer Balzrituale. Plärrende Bälger, Bikinimädchen, Jünglinge, schmerbäuchige Vertreter der Parentalgeneration, die auf der Suche nach lustvollen Einblicken durch das Gestrüpp wandern.
Ich war stets ein Einzelgänger, weiß um die Gefahren, die die Gemeinschaft bringt. Diesbezüglich waren meine Eltern, wenn auch unabsichtlich, gute Lehrer. Ansonsten hatten sie sich nicht großartig um unsere Bildung gekümmert. Nachtschwarze Seelen, lustgesteuerte Defätisten, die meine Geschwister und mich aus billiger Eitelkeit ins Leben zwangen, ohne auch nur einen Gedanken an die Zukunft zu verschwenden. Sie blieben nicht lange genug, um zur Rechenschaft gezogen zu werden, vergingen in einer Nacht zu Fleisch und Blut, verreckten an ihrer eigenen Geilheit. Dabei zuzusehen, wie sie krepierten, an ihren klebrigen Säften erstickten, war einer der schönsten Momente meiner Kindheit. Als ich ihre Züge in meinen Geschwistern wiederfand, wunderte es mich kaum. Sie wussten es nicht besser, rastlose Geschöpfe, die mit dem Strom trieben, nie gelernt hatten, Festzuhalten und die Idee, es zu versuchen, nicht einmal in Betracht zogen. Dazu bedarf es einer Persönlichkeit wie der meinen. Die Anderen sind schwach, nicht in der Lage, sich dem Trieb zu widersetzen, die Sinne einer Schönheit zu öffnen, die tiefer liegt. Übertrieben schrill und billig hallt das Gelächter meiner Schwestern über das Wasser, Heiterkeit, ebenso gespielt wie das Draufgängertum, das meine Brüder durch derbes Verhalten an den Tag zu legen versuchen. Dennoch spüre auch ich ihn, den Zauber, der in diesem Tag schläft, wie ein Nachtjäger auf die Dämmerung lauert. Etwas kündigt sich an, eine Wendung, die mit dem Sommer zieht. Seine Blicke begegnen mir zu häufig, um Zufall zu sein. Wie ich ragt er aus der Menge,eine Lilie unter den Dornen, eine verwandte Seele. In den verlorenen Stunden der Ruhe kreisen meine Gedanken um ihn, schützen mich vor der Kälte und sind Halt im Mahlstrom der Einsamkeit. Ich spüre seine Gedanken, sehe seinen Blick für die Schönheit des Geistes. Sein Mund ist geschaffen, um zu schweigen, sobald es ihm an Inhalten mangelt. Ich träumte mich an seine Seite, sah uns die Welt erkunden und dabei einander entdecken. Nach und nach, eine zarte Annäherung, die keine schnöde Zurschaustellung impliziert. Alles was es brauchte, war Zeit und die naht nun, das spüre ich.


Die Nacht lässt ihren Zauber frei ohne an Hitze zu verlieren. Man findet einander, die Begierde ist nicht mehr von koketter Verschämtheit, sondern so aufrichtig, dass es schmerzt. Ich suche ihn inmitten der Massen, zwänge mich durch ein Meer aus enthemmten Körpern. Liebe treibt mich, noch mehr aber Angst und ich finde ihn, kurz bevor sie mein Herz zerreißt. Er wirkt ruhig, aber seine glänzenden Augen verraten ihn. Die Stunde macht uns zu Tänzern auf dem Mondlicht. Ich höre das flirrende Gelächter meiner Schwestern aus meiner eigenen Kehle, spüre den Trieb, heiß und pochend. Die Tiefe schwindet und die Gedanken verlassen meinen Mund als billiges Stöhnen. Ich lehne meinen Kopf an seine Schulter, mein Ohr an seine Lippen. Seine geflüsterten Worte zerstören heiser jede Hoffnung. Wir sind nicht mehr als Blut in Wallung und ich möchte weinen um die verlorene Nacht, das kurze Leben und den Tod des Geistes, als mir bewusst wird, dass ich nicht einmal Tränendrüsen besitze.

Wie hässlich Träume nackt sind... 





Sonntag, 24. November 2013

Regen übers Land










November war die Zeit der Südflüge. Wer den Anschluss verpasst hat, bleibt allein in der Kälte. Rilke flüstert von zu bauenden Häusern, aber nun ist es zu spät. Denn hier ist das Land, die Stagnation. Im Winter rückt die Natur näher, zeigt sich grausam und schonungslos, treibt uns mit den Spinnen in die Häuser. Schöne weiße Häuser mit hohen düsteren Toren. Wir kehren davor, denn es soll perfekt sein. Das neue Jahr liegt nicht länger in lauernder Wartehaltung, sondern hat bereits zum Sprung angesetzt und so lächeln wir einander Wünsche zu. Es könnte das letzte Mal sein, dass man so jung zusammen kommt.
Tatsächlich wünschen wir einander die Pest an den Hals, hinter zugezogenen Vorhängen gärt es grünlich und ich wünsche mich in unseren Sommer. Ich wünsche mich in deine Stadt, die groß ist, laut, krank und wundervoll. Wünsche mich an deine Hand, in deine Straßen, will mit dir die Orte deiner Kindheit suchen. Wünsche, ein großes, träges Raubtier zu sein, lauernd in deinem Bett, gierig süchtend nach deinem Schweiß.



Konjunktive schneiden wie Messer.
Manche sagen, es gäbe diesen einen Menschen, der für einen geschaffen sei und den man nie wieder los lassen solle. Helle Tigeraugen und warme Hände und unzählige Geheimnisse später entgleitet er mir. Ich bin ein Winterwolf, dem man das Fell abgezogen hat, der es sich dumm lächelnd abziehen ließ und nun darum weint. Nackt und zitternd verkrieche ich mich unter den Dachbalken, wo Dunkleres lauert als Einsamkeit.
Weil ich sie Freunde nennen, können sie mich nicht dort lassen. Sie zerren mich gewaltsam nach draußen, an grelle Orte. Hier gibt es keine Verbote. Es gibt Bier, Gin laute Worte und Gelegenheiten, bitter wie Tollkirsche. Dann und wann trifft eine Faust auf Knochen oder weiche, nachgiebige Stellen, ab und an blitzt ein Messer und wenn sich der Himmel färbt, findet sich ein finsterer Begleiter. Aber das muss reichen. So ist das Land.
Anstatt mich mit dir, an dir zu wärmen, durchstreife ich die kahlen Felder und vergrabe unsere ungeborenen Kinder unter den Wurzeln nackter Kirschbäume. Ich vergrabe sie tief, weil die Krähen lauern. Trampele die Erde über den Gräbern fest, weil er kommen könnte, so unwahrscheinlich es scheint in diesen Tagen, er könnte wieder kommen um sie auszugraben, der Frühling.