Manche sagen, ihre Zeit sei die Nacht,
aber das sehe ich anders. Vielleicht bietet die Nacht mehr
Möglichkeiten, erlaubt durch den Mangel an Reizen eine intensivere
Beschäftigung mit ihr, aber präsent ist sie immer. Jetzt gerade
nimmt sie zu, wartet nicht länger bis freie Momente zur Verfügung
stehen, sondern stiehlt sie von meinem Alltag. Sie ist die Hand um
meine Kehle, die Erhöhung der Stimmlage und das Herzrasen. Sie malt
Trugbilder, verleiht der Realität Vielschichtigkeit und legt
hässliche Masken auf die Gesichter der Menschen. Auch und gerade auf
die derjenigen, die mir wohlgesonnen sind. In diesen Tagen macht es
keinen Unterschied. Ich fürchte sie genug, um sie zu
personifizieren, gliedere sie aus und merke dabei, dass es genau der
falsche Weg ist. Also nenne ich sie Angst. Sie kommt von Innen, ist
tonnenschweres Gewicht und nagender Zahn in meinen Eingeweiden. Dass
ich so fühlen dürfe, ist ein gutgemeinter Rat, ich weiß um die
Absicht dahinter und erkenne die Freundlichkeit dieser Worte an. Von
Nutzen allerdings sind sie nicht. Letztlich ist es der Angst egal, ob
ihre Existenz legitimiert wurde, sie ist einfach da. Und sie wächst,
wächst sich aus zu etwas, das Fachnamen trägt und mich im Haus
ankettet. Es wird schwieriger, den Körper vor die Tür zu zwingen
und meist verlangt er dafür eine Belohnung in Form von Substanzen,
die ihm nicht gut tun. Sie schmälern die Angst, aber töten das Ich.
Das Ich. Und warum du überhaupt? Du wirkst immer so... . Genau.
Vielmehr glaube ich sogar, dass jene Fassade der Mensch ist der ich
sein kann. Könnte. Ohne die Angst und die vielen Mittel, die sie
einen Moment lang beiseite zwingen. Woher kommt sie? Ist sie
atavistisch, basiert sie auf einer Begebenheit? Tausend Antworten,
für das Thema hat keine davon Relevanz, weil es egal ist, woraus sie
resultiert. Wichtig ist, dass sie da ist. Vertraut, aber mit neuem
Unterton, belastender und einschränkender denn je. Die Angst.
Dienstag, 15. Juli 2014
Dienstag, 4. März 2014
Mentalisierung/Fragmente
Wir sind Schatten. Wir warten in jeder schlecht
beleuchteten Straße, jedem uneinsehbaren Winkel. Wir lauern in den
Sekunden, die zwischen dem Betreten eines dunklen Raums und dem
Ertasten des Lichtschalters liegen. Du weißt, wie sich unser Atem in
deinem Nacken anfühlt, aber du hast verlernt, ihn von einem Windhauch zu unterscheiden.
Die Brutalität mit der die Grenzen
niedergerissen worden waren, verhieß einen Strom, aber der Wahnsinn
war ein Rinnsal. Es sickerte durch die Schichten der Realität,
versetzte dem Bewusstsein unregelmäßige Impulse und zwang es zurück
in den Körper.
Wir sind Schmerz. Das Knirschen deiner
Wirbelsäule auf dem Mahagonischreibtisch. Das glühende
Ende der Zigarette auf deiner Haut und
das Knacken deines Nasenbeins. Das Messer in deinen Eingeweiden, das
Stechen und Reißen.
„Viel sieht man nicht. Wie lange ist
das her?“
„14 Tage.“
„Sie hätten früher kommen müssen.
Jetzt kann man nichts mehr machen. Wie ist das denn passiert?“
Er war ziemlich betrunken und auch
etwas abgelenkt, weil einer der anderen einen Witz gemacht hatte und
als er aufstehen wollte, hat er sich versehentlich in meinem Gesicht
abgestützt.
„Beim Skaten gegen ein Schild gefahren.“
„Oh. Sie haben aber gefährliche Hobbies. Das nächste Mal dann
etwas vorsichtiger, ja?“
Ja. Das nächste Mal dann.
„Ich sehe da derzeit keine Schwierigkeiten, was das Atmen angeht.“
Ich auch nicht,
es ist unmöglich.
„Bliebe der kosmetische Aspekt.“
Unvermittelt zieht er einen Spiegel hervor und ich beiße mir auf die
Lippen, um nicht zu schreien.
„Wie gesagt, man sieht es kaum, eine
leichte Asymmetrie, sie fällt gar nicht auf.“
Nein, angesichts der allgemeinen
Schräglage kann man das wirklich nicht behaupten.
„Wenn Sie mich
fragen, steht einer Modelkarriere nichts im Wege.“
Er lacht freundlich und ich lache
zurück, bis ich den Anblick seiner weißen Zähne nicht mehr ertrage
und wegsehe. Hinter dem Schreibtisch materialisieren sich die
Schatten.
Wir sind die Lüge. Das Zähnefletschen
hinter deinem Lächeln und das Zucken deiner Lider, wenn Freunde sich
nach deinem Befinden erkundigen.
Seine Augen sind unversehrt, helle
Projektoren und das Wissen darin unauslöschbar. Das umliegende
Gesicht trägt Kampfspuren. Beim Versuch sie beiseite zu wischen
verliere ich zwei Finger und er eine fragend gehobene Braue. Noch
immer glaubt er daran, dass man alles hinter sich lassen kann, wenn
man nur schnell genug läuft. Der Läufer hält meine Hand fest
umklammert, Hoffnung trägt ihn und atemlos flüstert er von Liebe.
Ich taumele hinterher, stolpere über seine unbeholfene Fürsorge und
zerschelle an seinem Mitleid.
Wir sind der Hass, die zerstörerische
Kraft hinter deiner Ohnmacht. Jedes grausame Wort, das du den Deinen
entgegen schleuderst. Wir sind bei dir, wenn du durch die düsteren
Ecken der Stadt ziehst, ein Streuner auf der Suche nach einer
Gelegenheit. Wir sind der Triumph, der deinen Treffern innewohnt und
die nachtschwarze Befriedigung über jeden Schlag den du einstecken
musst.
Die Monster haben ihren Platz unter dem
Bett schon lange verlassen. Auch auf die Nacht sind sie nicht mehr
angewiesen. An den guten Tagen gelingt es mir, sie zu ertränken. An
den schlechten nicht.
Wir sind die Angst. Das
unkontrollierbare Zittern, die Panik, die nach Patchouli, Schweiß
und Blut stinkt. Wir sind die brüchige Stimme der Unsicherheit, wann
immer du mit einem Fremden allein bist.
Ich siege nicht. Ich beuge mich der
Vergangenheit, schreibe die Gesetze des Erträglichen neu und warte,
ob mir das Überleben vergönnt ist. Manchmal sieht es gut aus. Heute
nicht.
Wir sind Schatten. Wir warten in jeder schlecht
beleuchteten Straße, jedem uneinsehbaren Winkel. Wir lauern in den
Sekunden, die zwischen dem Betreten eines dunklen Raums und dem
Ertasten des Lichtschalters liegen. Du weißt, wie sich unser Atem in
deinem Nacken anfühlt, aber du hast verlernt, ihn von einem
Lufthauch zu unterscheiden. Wir sind da und wir werden bleiben. Lass
uns spielen!
Keine Lust.
Hast du Angst? Du wirkst
eingeschüchtert.
Das täuscht. Ich bin müde.
Samstag, 25. Januar 2014
...in a heartbeat
Nun, da die Orkane über das Land toben
wie der Wahnsinn durch die Städte und die letzten Tage an Fingern
zählbar sind, flüsterst du lange vergessene Gebete in den roten
Himmel. Sicherheitshalber variierst du nicht nur Sprache und
Intonation, sondern auch die Adressaten und wenngleich du ahnst, dass
außer mir keiner mehr lauscht, ist mein Name der letzte auf deiner
Liste.
Deine Stimme umspielt die Silben so
seidig wie das dünne Gewand deinen Körper. Ich weiß, wie glatt
deine Haut darunter ist, schweißfeucht von der Glut die jetzt mit
dem Nachtwind zieht. Duftend und geschmeidig lockst du in der
Finsternis, öffnest die Arme dem Sturm und hinter geschlossenen
Lidern gewinnt dein Blick an Intensität.
Und doch warst du am schönsten, wenn
ich dich von den Schlachtfeldern dieser Welt schleifte. Zerschunden
und erschöpft, aber von deinen aufgerissenen Lippen perlten die
weisen Worte der Grenzgänger. Todesnah warst du mir ebenbürtig. Der
Zauber verflog, sobald dein Bewusstsein wieder einsetzte. Immer
wolltest du die stumpfe Nadel und das gröbste Garn. Manchmal hielt
ich dich zurück, wenn deine Finger an den frischen Nähten zerrten,
manchmal war ich zu müde. Ohnehin fand der Morgen dich stets
unversehrt und makellos.
Nun wirfst du dich auf die Knie, weinst
um die verlorenen Narben und bist bereit, im Tausch gegen eine
einzige Erinnerung deine Seele zu verscherbeln. Geister, Dämonen,
Dunkelheit. So viele Titel hast du mir verliehen, mich in die Kostüme
deiner Launen gesteckt, doch wenn das Ende kommt werde ich dir nackt
und namenlos gegenübertreten.
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